Das denglische Sparschwein

Dass Sprachen sich schon immer aus dem Wortschatz anderer bereichert haben, ist gut und wahr. Doch diese Erkenntnis kann das tiefe und breite Unbehagen nicht lindern, das die plötzliche und massenhafte Einmischung unnötiger, schlecht oder gar nicht verstandener englischer oder pseudo-englischer Wörter in unsere Sprache und, wenn auch in geringerem Maße, in andere Sprachen verursacht. Wer ein paar Jahre zurückdenkt, wird zugeben müssen, dass wir alle, gut – fast alle, ein wenig mitschuldig sind. Wer hätte anfangs nicht ab und zu sorglos nachgeplappert, was uns da (von wem eigentlich?) vorgeplappert wurde!

Denglisch-Schwein

Drei junge Studierende brauchen sich diesen Schuh nicht anzuziehen: Sie haben das Problem früh in ihrem Leben erkannt und sind ihm auf ganz persönliche Weise zu Leibe gerückt – spielerisch, ohne missionarischen Eifer.

2004 wollten die drei – Fabian, Kiki und Tim, damals eine Berliner Wohngemeinschaft – erproben, ob sie sich nicht auch ohne (d)englische Wörter im Alltag miteinander unterhalten könnten.

Um sich selbst zu disziplinieren, einigten sie sich auf einen Bußgeldkatalog und stellten in der WG ein Sparschwein auf. Wer sich mit Denglisch erwischen ließ, musste nun in die Tasche greifen:

10 Cent für englisches Rechnervokabular (Scanner, Homepage usw.)
20 Cent für umgangssprachliche Anglizismen (cool, crazy und dergleichen)
30 Cent für englische Uni-Sprache (Controlling, Meeting, Lounge und so fort)
40 Cent für allgemeine Redewendungen (give me five, I am sorry) und
50 Cent für alles weitere “Denglisch“ (Event, pushen, Deadline usw.)

Anfangs, so erinnern sich die drei, nahm das Sparschwein rapide an Gewicht zu, doch bald wurde sein Futter immer knapper.

Denglisch-WGDas Spiel der drei sprach sich herum, wurde von den einen belächelt, von anderen nachgeahmt. Spiegel-online führte ein Gespräch mit der WG, und Harold Woetzel berichtete in seiner SWR-Reportage “Wer rettet die deutsche Sprache?“ über ihre Aktion.

Am Ende, vermutet das HDS, ist das Sparschwein – Zweck der Übung erreicht – verhungert. Doch der Sprache der drei – inzwischen alle im Berufsleben – merkt man noch heute an, dass sie sich selbst zum intelligenten Umgang mit ihr erzogen haben.