Gedicht des Monats November 2009

EIN WORT

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Aus: Gottfried Benn, Statische Gedichte, hg. von Paul Raabe, © 1948, 2006 
by Arche Literatur Verlag AG, Zürich-Hamburg

In den ersten beiden Versen zeichnet Gottfried Benn, der Arzt und Lyriker (1886-1956), das Grundmuster menschlicher Kommunikation.

Diesen Ablauf, nicht gerade eine Neuentdeckung Benns, stellt er zunächst objektiv dar. Die weiteren Verse geben in kraftvollen Bildern wieder, was er subjektiv empfindet im ‚Lichte’ dieses Geschehens. Das – scheint es – ist ihm gerade erst durch sein eigenes Wort, seinen Satz zum Wunder geworden, zum spectaculum des Weltalls. Der “jähe“ Sinn im zweiten Vers hatte schon sein elementares Staunen angedeutet, sein Erschrecken geradezu. – So dramatisch freilich, wie Benn das Aufleuchten von Leben und Sinn im Wort empfindet, so “ungeheuer“ (Vers 7 und 8) sind ihm dann die Leere, das Dunkel beim Erlöschen des kosmischen Schauspiels, beim Verklingen des flüchtigen Worts.In dem 1941 entstandenen Gedicht spricht Benn nicht speziell von der Kommunikation zwischen Dichter und Publikum. Doch auch der sich mitteilende Dichter und der ihn verstehende Hörer sind natürlich auf genau diese Interaktion von Chiffrieren und Dechiffrieren angewiesen, auf die Sprache also. Briefmarke zum 100. Geburtstag von G. Benn 
Zum 100. Geburtstag

Für die Dichter-Leser-Beziehung ist die Sprache aber noch in einem anderen Sinn von Bedeutung: In der Dichtung ist sie nicht nur Werkzeug oder Transportmittel. Sie ist – nicht stattdessen, sondern zugleich – der wichtigste Werkstoff des Dichters, Meißel und Marmor in einem.

In einem raffinierten Wortspiel hat Friedrich Schiller (1759-1805) ein Dilemma beschrieben, mit dem der Dichter fertigwerden muss – nicht nur der Dichter:

Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen?
Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.

(Die gewollte Paradoxie des zweiten Verses löst sich auf, wenn man das erste “Spricht“ betont und die zweite “Seele“.)

Zur Sprache gibt es, auch von den Dichtern selbst, Hunderte von theoretischen, in Prosa gefassten Überlegungen, Lehrsätzen, Theorien, ja Mahnungen. Hier soll es nur um solche gehen, die im Gedicht selbst Ausdruck gefunden haben. Denn auch ein Drittes kann die Sprache für die Dichtung sein: das Thema.

Da kann es zum Beispiel um die Sprache als Form des Sinns gehen, also nicht nur als sein Gefäß.

Das hat Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) in einen Zweizeiler zu fassen versucht:

Trennt ihr vom Inhalt die Form, so seid ihr nicht schaffende Künstler.
Form ist vom Inhalt der Sinn, Inhalt das Wesen der Form.

Hier – es spricht ein Dichter – kann “Form“ nur “sprachliche“ Form bedeuten: Wortwahl, Silbentakt, Satzbau, Wahl der Bilder, Reim, Tempo, Stil-Ebene.

Das Wort sei einfach “des Gedankens Zwilling“, hatte zwei Jahrhunderte zuvor Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) in seiner Ode “Die Sprache“ gedichtet.

Als Hofmannsthal die obigen Verse niederschrieb, hat er – könnte man meinen – die des einst prominenten, heute fast vergessenen Dichters August von Platen (1796-1835) vor Augen gehabt:

SPRACHE

Wer sich zu dichten erkühnt und die Sprache verschmäht und den Rhythmus,
Gliche dem Plastiker, der Bilder gehaun in die Luft!
Nicht der Gedanke genügt; die Gedanken gehören der Menschheit,
Die sie zerstreut und benutzt; aber die Sprache dem Volk:
Der wird währen am längsten von allen germanischen Dichtern,
Der des germanischen Worts Weisen am besten verstand.

Klopstock von Platen von Hofmannsthal
Klopstock von Platen von Hofmannsthal

Hier ist ein historischer Hinweis angezeigt: Der Gültigkeit des letzten Vers-Paares von Platens täte es keinen Abbruch, wenn man das Attribut “germanischen“ an beiden Stellen gegen “italienischen“, “finnischen“, “arabischen“ usw. austauschte. Es geht um die Meisterschaft in der Muttersprache, gleich welcher, nicht etwa um deutschen Sprach-Chauvinismus.

Im 16., 17., hier und da noch im 18. Jahrhundert hatte sich die deutsche Sprache, gegen hinhaltenden Widerstand, als Wissenschafts-, Kirchen-, Verwaltungs- und Dichtungssprache gegen die traditionelle Übermacht des Lateinischen und Französischen allmählich durchgesetzt. (Vgl. dazu HDS, Deutsch als Wissenschaftssprache und Die deutsche Sprache im Wandel)

Im 19. Jahrhundert war Deutsch endlich für all diese Bereiche eine Selbstverständlichkeit. Umso überzeugender konnte man die gemeinsame Sprache nun als Zeichen der Zusammengehörigkeit der damals vergeblich nach nationaler Einheit strebenden “deutschen“ Kleinstaaten sehen, sie als politisches Argument gebrauchen.

Zur Erinnerung daran wird heute oft Jacob Grimm (1785-1863) zitiert. Er war mit Wilhelm Grimm (1786-1859) einer der beiden legendären Sammler von “Grimms Märchen“. (“Es war einmal ein …“). Im Vorwort des von den Brüdern 1854 auf den Weg gebrachten großen Deutschen Wörterbuchs fragte Jacob Grimm beschwörend: “Was haben wir denn Gemeinsames als unsere Sprache und Literatur?”Grimm-Denkmal in HanauDenkmal in Hanau, ihrer Geburtsstadt (Jacob links)

Das folgende Gedicht von Felix Dahn (1834-1912), Jura-Professor und Verfasser historischer Romane (“Ein Kampf um Rom“, 1876), ist kein Dokument deutschtümelnder Sentimentalität, sondern ein Aufruf, der Muttersprache treu zu bleiben – in einer Zeit massenhafter Auswanderung von Deutschen, besonders nach Amerika. – Es ist 1912 in der Sammlung “Vaterland“ erschienen.

Schiff mit Auswanderern um 1850 Felix Dahn
Schiff mit Auswanderern um 1850 (Bundesarchiv) Felix Dahn

FÜR UNSERE SPRACHE

Noch wahrer als der Blick des Auges kündet
Des Menschen Eigenart der Stimme Klang.
Es kann das Auge täuschen, nicht die Stimme!
Sie drückt den tiefsten Kern des Wesens aus,
Und Volkes Stimme, – das ist Volkes Sprache.
Sie kündet wahrer, unverfälschlicher
Als Aug’ und Haar und Antlitz und Gestalt
Des Volkes Seele. – Weh darum dem Volk,
Das seiner Sprache Heiligtum nicht ehrt
Und liebt und schützt und pflegt mit frommer Treue.
Kein Splitter unsers Volkstums ist verloren,
Kein Haus und keine Hütte noch so fern,
Darin noch deutsch das Vaterunser tönt.
So schützt die deutsche Sprache überall,
Ihr schützt damit zugleich die eigne Seele.
Die Sprache zieht mit uns im Schritt der Heere
Sie schwebt mit uns im Schiff durchs blaue Meer
Und baut, wo immer ihre Schöne klingt,
Uns sieghaft eine neue deutsche Welt.

Nicht zu leugnen ist, dass hier einiges militant-nationalistisch klingt und so den Zeitgeist der Jahre zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ausbruch des Weltkriegs 1914 widerspiegelt. Dass es Dahn aber in erster Linie um die Treue zur Muttersprache ging, machen vier Verse aus einem anderen Gedicht von ihm glaubhaft (“Die Deutschen im Auslande“):

Die Sprache Shakespeares trägt der Brite –
Ich lob ihn drum! – wie seine Sitte
Getreu in fremder Lande Mitte:
Und Schiller soll vergessen sein?

Nicht nur Auswanderer können (Dahn: sollen) die deutsche Sprache mit in ihre neue Heimat nehmen, auch Einwanderer können sie lernen und lieben lernen. Der türkisch-deutsche Literat Yüksel Pazarkaya (* 1940 in Izmir, seit 1958 in Deutschland):

DEUTSCHE SPRACHE
die ich vorbehaltlos liebe –
die meine zweite heimat ist
die mir mehr zuversicht
die mir mehr geborgenheit
die mir mehr gab als die
die sie angeblich sprechen
sie gab mir lessing und heine
sie gab mir schiller und brecht
sie gab mir leibniz und feuerbach
sie gab mir hegel und marx
sie gab mir sehen und hören
sie gab mir hoffen und lieben
eine welt in der sich leben lässt
Friedrich von Logau

Bei Hofmannsthal und Platen (s.o.) ging es um die Sprache der Dichter. Spricht von der auch der Barock-Lyriker Friedrich von Logau (1605-55) aus dem niederschlesischen Nimptsch? Oder dachte Logau bei seinen Versen an die Alltagssprache?

Kann die deutsche Sprache schnauben, schnarren, poltern, donnern, krachen kann sie doch auch spielen, scherzen, liebeln, kosen, tändeln, lachen.

Wer so verliebt in die deutsche Sprache ist, wird sie auch schützen wollen. Gleich noch einmal Friedrich Logau:Nimptsch - Logaus Heimatdorf heute

Logaus Heimatdorf heute („Niemcza“)

Das Deutsche Land ist arm; die Sprache kan es sagen,
Die ietzt so mager ist, daß ihr man zu muß tragen
Auß Franckreich, was sie darff, und her vom Tiber-Strom *),
Wo vor **) Latein starb auch mit dir, unrömisch Rom!
Zum Theil schickts der Iber ***). Das andre wird genummen,
So gut es wird gezeugt und auff die Welt ist kummen
Durch einen Gerne-Klug, der, wenn der Geist ihn rürt,
Ietzt dieses Prale-Wort, ietzt jenes rauß gebiert.
Die Musen würckten zwar durch kluge Tichter-Sinnen,
Das Deutschland solte Deutsch und artlich reden künnen;
Mars ****) aber schafft es ab und hat es so geschickt,
Daß Deutschland ist Blut-arm; drum geht es so geflickt.

*) = aus Italien **) zuvor ***) = der Spanier ****) = Krieg

An die 250 Jahre später, etwa zur Zeit Felix Dahns (s.o.), sind die „Import-Wörter“ immer noch oder wieder ein Ärgernis für viele, zum Beispiel für Theodor Storm (1817-88)

Die fremde Sprache schleicht von Haus zu Haus,
Und deutsches Wort und deutsches Lied löscht aus;
Trotz alledem – es muß beim alten bleiben:
Die Feinde handeln, und die Freunde schreiben.

Nicht vor fremden Wörtern, sondern vor Verstößen gegen die innere und althergebrachte Ordnung der deutschen Sprache warnt der Dramatiker Friedrich Hebbel (1813-63) in dem Gedicht “Die deutsche Sprache“:

Schön erscheint ...

Oder wer setzte ...

So streng gehen nicht alle Lyriker mit dem Thema “deutsche Sprache“ um. Hier eine kleine Auswahl aus einem vielfältigen Bestand von Heiterem:

Christian Morgenstern (1871-1914; vgl. Gedicht des Monats Februar 2009) hielt viel von Palma Kunkel, einer von ihm selbst nach einem lebendem Modell erdichteten Frau:

WORT-KUNST

Palma Kunkel spricht auch. O gewiß.
Freilich nicht wie Volk der Finsternis.

Nicht von Worten kollernd wie ein Bronnen,
niemals nachwärts-, immer vorbesonnen.

Völlig fremd den hilflos vielen Schällen,
fragt sie nur in wirklich großen Fällen.

Fragt den Zwergen niemals, nur den Riesen,
und auch nicht, wie es ihm gehe, diesen

Nicht vom Wetter spricht sie, nicht vom Schneider,
höchstens von den Grundproblemen beider.

Und so bleibt sie jung und unverbraucht,
weil ihr Odem nicht wie Dunst verraucht.

Morgenstern
Auf allen Photos so ernst

Auch von Morgenstern:

DAS WASSER

Ohne Wort, ohne Wort
rinnt das Wasser immerfort;
andernfalls, andernfalls
spräch es doch nichts andres als:
Bier und Brot, Lieb und Treu,-
und das wäre auch nicht neu.
Dieses zeigt, dieses zeigt,
daß das Wasser besser schweigt.

Schließlich das, wieder Morgenstern:

DER WERWOLF

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

“Der Werwolf”, – sprach der gute Mann,
“des Weswolfs”- Genitiv sodann,
“dem Wemwolf” – Dativ, wie man’s nennt,
“den Wenwolf” – damit hat’s ein End.’

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch “Wer” gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hat amüsiert über die Folge der Buchstaben in unseren Wörtern nachgedacht:

SÉANCE *)

Hier ists, wo unter eignem Namen
Die Buchstaben sonst zusammenkamen.
Mit Scharlachkleidern angethan,
Saßen die Selbstlauter obenan:
A, E, I, O und U dabei,
Machten gar ein seltsam Geschrei.
Die Mitlauter kamen mit steifen Schritten,
Mußten erst um Erlaubnis bitten.:
Präsident A war ihnen geneigt;
Da wurde ihnen denn der Platz gezeigt;
Andere aber, die mußten stehn,
Als Pe-Ha und Te-Ha und solches Getön.
Dann gabs ein Gerede, man weiß nicht, wie;
Das nennt man eine Akademie.

*) Sitzung

Karl Kraus (1874-1936), der pointenstarke Österreicher, sieht in der Sprache offenbar etwas Weibliches, von ihm (!) Formbares:

Karl Kraus

Mit heißem Herzen und Hirne
naht’ ich ihr Nacht für Nacht.
Sie war eine dreiste Dirne,
die ich zur Jungfrau gemacht.

Es gäbe noch viel mehr …