Gedicht des Monats Januar 2014

Ein Gänschen
Clemens Brentano

Ein Gänschen auf dem Teppich stand
In Erdmannsdorf gar wohl bekannt
Es war ein herzig Gänschen
Ein fremder Maler kam dahin,
Mit schwarzem Bart und leichtem Sinn
Dahin, dahin,
Nach Erdmannsdorf er ging.

Ach! denkt das Gänschen, wär ich nur
Die schönste Gans in der Natur,
Ach! nur ein kleines Weilchen.
Bis mich der Maler hätt gemalt,
Ich ihn durch einen Kuß bezahlt,
Mit meinem, mit meinem,
Mit meinem breiten Schnabel.

Ach! aber ach! der Maler kam
Und nicht in acht das Gänschen nahm,
Er trat das arme Gänschen.
Es fuhr schnell auf und flatterte,
Sperrt auf den Schnabel und schnatterte:
Und tritts du mich, so schnattr’ ich doch
Für dich, für dich
Du schwarzer Rabe doch.

„Ein Gänschen“, von Clemens Brentano vermutlich 1803 geschrieben, erzählt von Schönheit, Oberflächlichkeit und wie schnell Schein vergehen kann.

Protagonist ist ein Gänschen, welches sich durch menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen auszeichnet. Diese kleine Gans lebt in einem Dorf namens Erdmannsdorf. Ein Dorfname, der vielfach in Deutschland und im Ausland anzutreffen ist. In dem Dorf ist die Gans bekannt.

Eines Tages kommt ein Maler nach Erdmannsdorf. Die Gans träumt davon, schön zu sein und von dem Maler porträtiert zu werden und ihn dafür mit einem Kuss zu entlohnen. Doch dazu kommt es nicht. Der Maler nimmt die Gans gar nicht wahr und tritt sie sogar mit Füßen, woraufhin diese sich erhebt und wütend widersetzt. In diesem Protest betitelt sie den Maler als schwarzen Raben – ein deutlicher Kontrast zu weißen Gans.

Mit seiner unachtsamen Weise hat der Maler für die Gans seinen Glanz verloren und die zuvor vorhandene oberflächliche Schönheit des Künstlers kehrt sich in Abneigung um.

Dieser Umbruch wird auch auf formaler Ebene deutlich. Die erste Strophe, welche das Leben der Gans schildert und das Eintreffen des Malers, ist in einem gleichmäßigen Reimschema gestaltet. Auf einen Paarreim folgt eine Waise und zwei weitere Paarreime.

Ab dem Auftritt des Malers beginnt der inhaltliche Umbruch und die beiden folgenden Strophen brechen das regelmäßige Reimschema auf. Die dritte Strophe besteht noch aus einem Paarreim, gefolgt von einer Waise und einem Paarreim, abgeschlossen mit zwei Waisen und in der dritten Strophe sind ebenfalls nur noch drei Paarreime, einer davon ein unreiner Reim und zwei Waisen. Außerdem enthält die letzte Strophe einen Vers mehr als die vorherigen, nämlich acht. Beide letzten Strophen werden, passend zu dem schnatternden Protest der Gans, von dem Ausruf „Ach!“ eingeleitet.

Die wörtliche Rede der kleinen Gans und die Vermenschlichung der Verhaltensweisen regen den Leser dazu an, die Thematik der Oberflächlichkeit und Vergänglichkeit auf weitere Bereiche des Alltags zu übertragen.

C_Brentano
Clemens Brentano (Emilie Linder, um 1837) (Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Clemen Wenzeslaus Brentano de La Roche wird am 9. September 1778 in Koblenz als zweiter Sohn geboren. Seine Eltern sind der Kaufmann Peter Anton Brentano und dessen Ehefrau Maximiliane von La Roche, die auch von Goethe verehrt wird.

Während seiner Kindheit wechselt Brentano mit seiner Familie häufig den Wohnort. So wächst er in Frankfurt, Koblenz, Heidelberg und Mannheim auf. Auch seine berufliche Karriere ist von vielen Umbrüchen geprägt. Im Alter von 17 Jahren beginnt er eine kaufmännische Lehre, welche er nicht abschließt. 2 Jahre später tritt er ein Studium der Bergwissenschaften in Halle an, wechselt aber nach kurzer Zeit zum Studium der Medizin nach Jena. Auch dieses Studium schließt er nicht ab und widmet sich der Literatur. Er lernt Vertreter der Weimarer Klassik, unter anderem Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried von Herder kennen sowie Vertreter der Frühromantik.

Eine prägende Freundschaft entsteht mit dem Schriftsteller Ludwig Achim von Armin. Brentano gegegnet während seines Philosophiestudiums 1801 in Göttingen.Von Armin und Brentano zählen zu den Hauptvertretern der Heidelberger Romantik. Die beiden jungen Schriftsteller wohnen auch immer wieder zusammen.

1804 heiratet Clemens Brentano Sophie Mereau, eine Schriftstellerin. Nur zwei Jahre später stirbt sie bei der Geburt des dritten Kindes, auch alle drei Kinder der beiden sterben kurz nach der Geburt. Nur kurze Zeit nach dem Tod seiner Frau heiratet Brentano erneut. Ab 1809 befindet er sich in Berlin und widmet sich der Literatur. Unter anderem gehört er zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Tischgesellschaft, welche antijudaistische bis hin zu antisemitische Tendenzen aufweist. Auch in Berlin bleibt er nicht lange und reist nach einem Jahr nach Böhmen und zwei Jahre später nach Wien weiter. Seine Ehe hält Brentanos unbeständigem Leben nicht stand und so wird sie 1814 geschieden. Im darauffolgenden Jahr erfährt er eine Lebenskrise und kehrt nach Berlin zurück. Dort widmet er sich verstärkt der pietistischen Entdeckungsbewegung und wendet sich der katholischen Kirche zu. Zu dieser Zeit lernt er auch die Pastorentochter Luise Hensel kennen. Diese lehnt einen Heiratsantrag von ihm ab. Nach drei Jahren in Berlin zieht es ihn wieder fort und er lebt in Frankfurt und München, wo er sich sozialkarikativ engagiert.

Am 28. Juli 1842 stirbt Clemens Brentano in Aschaffenburg.