Gedicht des Monats November 2014

Im deutschen November
Friedrich Nietzsche

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Die Sonne schleicht zum Berg
Und steigt und steigt
und ruht bei jedem Schritt.

Was ward die Welt so welk!
Auf müd gespannten Fäden spielt
Der Wind sein Lied.
Die Hoffnung floh
Er klagt ihr nach.

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz.
Fliege fort! fliege fort!
Oh Frucht des Baums,
Du zitterst, fällst?
Welch ein Geheimnis lehrte dich
Die Nacht,
Daß eis’ger Schauder deine Wange,
Die purpur-Wange deckt?

Du schweigst, antwortest nicht?
Wer redet noch?

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz.
Fliege fort! fliege fort!
„Ich bin nicht schön“
– so spricht die Sternenblume
„Doch Menschen lieb’ ich
Und Menschen tröst’ ich
sie sollen jetzt noch Blumen sehn,
nach mir sich bücken
ach! und mich brechen –
in ihrem Auge glänzet dann
Erinnerung auf,
Erinnerung an Schöneres als ich:
– ich seh’s, ich seh’s – und sterbe so“.

Dies ist der Herbst: der bricht dir noch das Herz!
Fliege fort! fliege fort!
Friedrich_Nietzsche_Signatur

„Im deutschen November“ erzeugt eine düstere Stimmung in dem Herbstmonat. Den sechs Strophen mit zwei bis 13 Versen fehlt ein durchgängiges Reimschema. Direkte Anrede (IV, 1), Imperative und Ausrufe (III, 3; V, 9) verleihen dem Gedicht einen appellierenden Charakter.
Der Herbst hat Einzug gehalten und die Natur verändert sich. Die Sonne ruht ( I, 3) und der Wind wird stärker (II, 3), Adjektive wie welk (II, 1) und eisig (III, 7) sowie die Verben zittern (III, 4) und klagen (II, 5) prägen die düstere Stimmung. Umrahmt wird das Gedicht durch den wiederkehrenden Vers „Dies ist der Herbst, der bricht dir noch das Herz!“ mit veränderter Interpunktion, welcher in den Versen drei und fünf enthalten ist. Verbunden mit dieser Aussage ist immer die Aufforderung „Fliege fort! fliege fort!“ (I, 2; III, 2; V, 2; VI, 2). Die Worte „Herbst“ und „fortfliegen“, erwecken die Assoziation an Zugvögel. Mit den fallenden Früchten symbolisieren sie den Wandel der Natur im Herbst.
In dieser dunklen und vergänglichen Stimmung erscheint eine Sternenblume, die mit ihrer Farbe die Menschen erfreut. Doch auch die Sternenblume, die bis in den Frost hinein blüht, kann die Vergänglichkeit nicht aufhalten und wird schließlich gepflückt (V).

F_Nietzsche_1882

Friedrich Wilhelm Nietzsche wird am 15. Oktober 1844 als Sohn eines lutherischen Pfarrers und dessen Frau in Röcken geboren. Sein Geburtstag fällt auf die Feierlichkeiten des 49. Geburtstags des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV, weshalb Friedrich nach ihm benannt wird. Zwei Jahre später wird seine Schwester Elisabeth geboren, sein jüngerer Bruder Ludwig und sein Vater versterben kurz darauf. Aus finanziellen Gründen zieht die Familie nach Naumburg, wo Friedrich im familiären Kreis von Mutter, Schwester, Großmutter und zwei Tanten aufwächst. Erst 1856 kann sich die Mutter mit dem Erbe der Großmutter eine eigene Wohnung leisten.
Friedrich besucht zunächst die allgemeine Knabenschule, die er kurz darauf verlässt und auf eine Privatschule geht. Anschließend besucht er das Domgymnasium Naumburg und wird 1858 als Stipendiat in die Landesschule Pforta aufgenommen. Im Alter von 20 Jahren beginnt er das Studium der klassischen Philologie und evangelischen Theologie in Bonn. Sein Theologiestudium bricht er nach einem Semester ab und wird Schüler von Friedrich Ritschl in Leipzig. Noch bevor er seine Promotion erhält, wird er 1869 außerordentlicher Professor für klassische Philologie an der Universität Basel.
Drei Jahre darauf veröffentlicht er sein erstes größeres Werk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, welches bei seinen Fachkollegen auf Ablehnung stößt.
Bereits seit Kindesalter leidet Nietzsche an verschiedenen Krankheiten, weshalb er sich im Alter von 35 Jahren vorzeitig pensionieren lassen muss. In den darauf folgenden Jahren reist er viel und arbeitet als freier Autor. 1882 lernt er in Rom Lou von Salomé kennen, verliebt sich, doch sie lehnt seinen Heiratsantrag ab. Die Beziehung zerbricht und neue Krankheitsschübe führen Nietzsche in die Isolation. Er plagt sich mit Suizidgedanken. Während dieser Zeit, von November 1882 bis Februar 1885, verfasst er das vierteilige Werk „Also sprach Zarathustra“, in dem er seine eigene Philosophie reflektiert. Zu den wesentlichen Themenbereichen zählen Gott, die Schöpfung und der Übermensch. Berühmt wird Nietzsche insbesondere durch seine Auseinandersetzungen mit Moral im Allgemeinen und der christlichen Moral im Besonderen. Der Philosophie und Wissenschaft wirft er vor, herrschende Moralvorstellungen unkritisch zu übernehmen. Er setzt sich mit der Frage des Werts von moralischen Systemen überhaupt auseinander und kritisiert Platon und Kant.
1889 erleidet Nietzsche einen Zusammenbruch. In Folge dessen übernimmt seine Schwester die Pflege und Kontrolle über den Nachlass und die Herausgabe seiner Werke. Ein Jahr später verstirbt Friedrich Nietzsche an den Folgen einer Lungenentzündung und eines Schlaganfalls.
Friedrich Nietzsche kam posthum als Philosoph zu Weltruhm, als Nebenwerke sind Dichtungen und musikalische Kompositionen erhalten.

Bilder (gemeinfrei): Wikipedia, Friedrich Nietzsche