Gedicht des Monats Januar 2015

Die schöne Marie
von Hermann Löns

Eine Möwe flog um das Achterdeck
Und schrie und schrie und schrie;
Kord Kordsen war es, als wenn sie rief:
Marie, Marie, Marie!

Kord Kordsen drehte das Steuerrad
In der breiten, braunen Hand,
Und er dachte an die schöne Marie,
Und sein Herz ihm stille stand.

Und er dachte daran, wie gespart und gespart
Und gespart er Jahr für Jahr,
Und alles um die schöne Marie
Mit dem blonden Ringelhaar.

Die andern vertaten die Löhnung an Land
Bei Weibern und bei Wein;
Kord Kordsen gedachte der schönen Marie,
Hielt Leib und Lippen rein.

Und dann kam der Brief über Land und Meer,
Kord Kordsens Seele schrie,
Und er dachte, wo er ging und stand:
Marie, Marie, Marie!

Und er aß nicht mehr und er schlief nicht mehr
Und vertrank die Löhnung an Land.
Und er dachte an die schöne Marie,
Am Griffe des Messers die Hand.

Und er kam nach Haus und er ging zum Tanz
Und trank und prahlte und schrie,
Und er rief Timm Taadje ein Schimpfwort zu,
Dem Manne der schönen Marie.

Timm Taadje schlug zu und Kord Kordsen zog blank,
Und die Weiber umkreischten sie,
Und das Messer war rot und Timm Taadje war tot,
Und es weinte die schöne Marie.

Eine Möwe flog an dem Deich entlang
Und schrie und schrie und schrie.
Kord Kordsen war es, als wenn sie rief:
Marie, Marie, Marie!

Hermann Löns´ Gedicht „Die schöne Marie“ erzählt in neun Strophen die Geschichte einer unerfüllten Liebe. Die Strophen bestehen jeweils aus vier Versen, welche mit Ausnahme der erste und letzten Strophe ein regelmäßiges Reimschema aufweisen. Jeweils die zweiten und vierten Verse in den Strophen zwei, vier, sechs und acht sowie die ersten und vierten Verse in den übrigen Strophen bilden einen Reim.
Strophe eins und neun umrahmen dieses Wechselspiel und sind bis auf den ersten Vers identisch.
Der Kapitän Kord Kordsen befindet sich auf See und sehnt sich nach einer blonden Frau namens Marie. Aus dieser Zuneigung heraus verzichtet er – im Gegensatz zu seinen Kameraden – auf Landgänge, auf die Begegnung mit Frauen und auf Wein und hofft auf ein baldiges Wiedersehen.
Diese Hoffnung wird zerstört, als ihn ein Brief erreicht, der offensichtlich eine erschütternde Nachricht enthält. Von diesem Augenblick an ist Kord Kordsen so erschüttert, dass er nicht mehr isst und schläft und in seiner Sorge sich dem Wein zuwendet. Als er zurück in seinen Heimathafen kommt, treibt er sich herum und begegnet Timm Taadje – dem Mann von Marie. Hier lässt sich erahnen, welche Nachricht Kord Kordsen auf hoher See so erschüttert haben muss. Der Kapitän beleidigt Taadje und so entsteht eine Prügelei, bei der Kordsen ihn mit einem Messer ersticht. Marie weint und die Szene kehrt zur fast identischen Ausgangsstrophe zurück.
Kord Kordsen – dessen Name nordisch anmutet und das Geschehen in den Norden, an der Küste (IX, 1) verortet – bleibt allein und seine Liebe unerfüllt. Wie bedeutsam Marie für ihn ist und dass seine Gedanken sich nur um sie zu drehen scheinen, zeigt sich an der auffälligen Wiederholung des Namens „Marie“ (I, 4; II, 3; III, 3; IV, §; V, 4; VI, 3; VII, 4; VIII, 4; IX, 4). In den Strophen eins, vier und neun scheint die Alliteration „Marie, Marie, Marie“ einen Refrain zu bilden. Ebenfalls charakteristisch ist die Anapher „Und“ (II, 3+4; III, 1,2,3; VI, 1,2,3; VII, 1,2,3; VIII, 2,3,4), welche die rasche Abfolge der Ereignisse und den schlagartigen Wandel der Hoffnung in Wut verdeutlicht.

Hermann_Löns
Hermann Löns (etwa 1900) – Bild gemeinfrei, Wikipedia

Hermann Löns wird am 29. August 1866 in Chełmno, damals Westpreußen, als erstes von 14 Kindern geboren. Sein Vater Friedrich Löns ist Gymnasiallehrer und so besucht Hermann zunächst das Gymnasium in Wałcz, wohin sein Vater versetzt wurde. Als dieser weiter nach Münster versetzt wird, geht Hermann mit ihm und erlangt dort 1887 das Abitur. Er beginnt das Studium der Medizin in Greifswald, wechselt im darauf folgenden Jahr nach Göttingen. 1889 kommt er dem Wunsch seines Vaters nach und kehrt nach Münster zurück, wo er sich für Mathematik und Naturwissenschaften einschreibt. Im selben Jahr bricht er das Studium ab und lernt die Kellnerin Elisabeth Erbeck kennen, die er 1893 heiratet. Nach acht Jahren wird die Ehe geschieden und Hermann Löns heiratet seine Arbeitskollegin Lisa Hausmann. Die Ehe ermöglicht ihm den Zugang zu höheren Gesellschaftskreisen. Die Ehe scheitert nach zehn Jahren und Löns kehrt nach Hannover zurück und führt eine Beziehung mit seinem ehemaligen Kindermädchen, der 24 Jahre jüngere Ernestine Sassenberg.

Löns gilt als Heimatschriftsteller, dessen Geschichten und Verse sehr populär geworden sind, Seine vaterländischen Schriften (vor allem der Roman „Der Werwolf“ (1910) über Kriegshandlungen im Dreißigjährigem Krieg) wurden in der Zeit des Nationalsozialismus stark ideologisch vereinnahmt. Auch wenn seine Stellung als Schriftsteller und sein Einsatz als Naturschützer vielerorts anerkannt und gewürdigt wird, ist sein Werk doch umstritten.

So bezeichnet der Germanist Hans-Albrecht Koch Löns’ Schriften als „banalste Gedichte“ und „Provinzpoesie“, für die „der Ausdruck Kitsch wohl ein Euphemismus ist“.
Seine journalistische Tätigkeit beginnt 1891 bei der „Pfälzischen Presse“, welche er bereits nach einem Jahr wegen Unpünktlichkeit und seiner Alkoholneigung verlassen muss. Daraufhin tritt er eine Stelle bei dem „Hannoverschen Anzeiger“ an, wo er sich vom freien Mitarbeiter zum Chefredakteur hocharbeitet.

Neben dem Journalismus ist es vor allem die Schriftstellerei, die ihm am Herzen liegt. Unter dem Pseudonym Fritz von der Leine erlangt er Popularität durch seine satirischen Lokalplaudereien. 1900 beginnt er Gedichte zu verfassen. Er schreibt insbesondere Jäger-, Natur- und Heimatgedichte. Zu seinem Charakteristikum wird das Landschaftsideal der Heide. Nachdem Löns 1909 von der „Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung“ gekündigt wird, kehrt er nach Hannover zurück und verfasst zahlreiche Werke in kürzester Zeit. Sein Schreibwahn und der ausgeprägte Alkoholkonsum enden in einem Nervenzusammenbruch.

1914 meldet sich Löns mit 48 Jahren als Kriegsfreiwilliger. Er will direkt an die Front und lehnt eine Tätigkeit als Kriegsberichterstatter ab. Nur einen Monat später am 26. September 1914 fällt er in der Nähe von Reims.