Vorwärts wie rückwärts: Nur du, Gudrun!

Von Friedemann Bedürftig

Unter Purzelbäumen im Wörtergarten – Pendelvokabeln, Schaukelsätze, Mehrwegsprüche: Palindrome

In den fünfziger Jahren, ich war gerade Gymnasiast geworden, kam ein Vetter zu Besuch und beteiligte sich an unseren Spielen. Schließlich weihten wir ihn sogar in unsere Geheimsprache ein, die sich jedoch eher geschrieben erschloss, als dass sie sich flüssig hätte sprechen lassen: Lievuz tetsap dnu torbreckel – die Eingangszeile eines Claudius-Gedichts wortweise rückwärts gelesen (ie und ck ließen wir unverändert). Was als Mutprobe beim Aufsagen im Deutschunterricht begonnen – und dem Mutigen zwei Stunden Arrest eingebracht hatte, machten wir zu unserer Kassiber-Sprache, stolz auf den schier unknackbaren Code.

Dem Vetter entlockten wir damit allerdings nur ein abfälliges Achselzucken. Auf die Frage, warum er so doof grinse, forderte er uns kühl auf, seinen Namen bittschön mal in der beschriebenen Weise zu verschlüsseln: Rolf Flor. Wir waren baff. Emsig suchten wir nach ähnlichen vorwärts wie rückwärts identischen Buchstabenkombinationen, kamen aber über Otto, Anna, Ebbe kaum hinaus. Als einer schließlich sogar die Wendelesbarkeit von Retter und Rentner entdeckte, hatte er den Vogel abgeschossen. Gegen den Vetter-Namen war das freilich immer noch mager.

Beim Mittagstisch ein Onkel, natürlich Lehrer: »Das ist noch gar nichts.« Und präsentierte er uns den berühmten Spruch: Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie. Ein ganzer Satz, der rückwärts wie vorwärts gelesen dasselbe ergibt! Der Onkel lieferte auch gleich den Begriff mit: Palindrome nenne man solche Vexierwörter und -wendungen, was altgriechisch sei und »das Zurücklaufende« bedeute.

 

Gut anderthalb Jahrzehnte später fiel mir ein Nachschlagewerk in die Hände, das die Palindrome wieder erwachen ließ: »Rückläufiges Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache« hieß es, und die Stichwörter darin waren von hinten nach vorn alphabetisiert. Wiederum anderthalb Jahrzehnte darauf erschien in der DDR, woher auch das rückläufige Wörterbuch stammte, ein Buch über Palindrome. Ich musste es haben und bekam es auch: »Annasusanna – Ein Pendelbuch für Rechts- und Linksleser« heißt das 1995 auch beim List Verlag herausgekommene Buch. Der Autor, Hansgeorg Stengel, war Kabarettist, und das lastete im SED-Staat scheint’s nicht aus oder verwies doch die Witzbolde auf eher harmlose Themen.

In Stengels Buch finden sich wahre Schätze: Die Einwort-Palindrome sind zwar bald erschöpft, denn solche sich in den Schwanz beißende Bandwürmer wie das finnische Saippuakauppias (Seifenhändler) kennt das Deutsche nicht. Es verfügt aber über unerschöpfliche Möglichkeiten der Zusammensetzung, So lässt sich z.B. die Vorwärtsversion mit der rückläufigen oft koppeln, und man erhält etwa das praktische Lagerregal oder bestellt einen Grassarg, weil man das trübe Nebelleben nicht mehr ertragen kann.

Damit hat man auch bei nur teilweisem Rückwärtssinn Erfolg, wenn man den oder die überschüssigen Buchstaben dem angehängten Wort hinzufügt: Markt ergibt rückwärts Tkram – wenig erhellend. Baut man aber links den gespiegelten Kram anders herum an, hat man mit Marktkram ein lupenreines Pendelwort.

So funktionieren auch der Reliefpfeiler, die Samoaomas, das Teebeet oder der Sinaianis. Durch stärkere Achserweiterung gewinnt man Siams Keksmais für Feinschmecker, den kompromisslosen Rengegner, die ausschweifende Eigrogorgie, die schändliche Gnutötung oder im Fall von dramatischem Mangel an Fässern die inbesondere für Diogenesse betrüblicheTonnennot.

Das alles aber sind nur Fingerübungen. Den Gipfel erreicht der Pendelvirtuose in palindromischen Aussagen, die der Welt Aspekte abgewinnen, die sich phantasielosem Einwegreden nie erschlössen. Dabei stützt sich der Palindromarchitekt gern auf Bausteine wie das Wörtchen ein – rückwärts: nie (siehe Gazellen-Satz). Kleinstform dabei ist der Körperteil, von dem es bei Morgenstern heißt: »Ein Knie geht einsam durch die Welt./ Es ist ein Knie, sonst nichts!/ Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!/ Es ist ein Knie, sonst nichts.« Und als Goethe und Schiller überlegten, was ihre literarischen Gegner am meisten ärgern könnte, hatten sie ein palindromisches Heureka-Erlebnis: »Eine Xenie!« Darauf wäre eine Bürorübe nie gekommen.

 

Zum vollendeten Spruch fehlt jetzt noch die Satzaussage (das Prädikat): Ein Snob reibt Bierbons nie – wäre ja auch ziemlich blöd; einlösen bringt mehr. Fast noch beherzigenswerter die Forderung: Eine Hure ruhe nie – jedenfalls nicht, wenn ihr Zuhälter um die Wege ist. Doch genug kategorische Nie-Aussagen. Wo bliebe sonst das Positive im sprachlichen Kreisverkehr?

Es stellt sich mit Sätzen ein, deren fundamentale Wahrheit in der doppelten Lesbarkeit Unumstößlichkeit gewinnt: Die Liebe ist Sieger, rege ist sie bei Leid – die Geschichte kennt zahllose Beispiele für die Entflammbarkeit durch Mitleid, das in sieghafte Zuneigung mündet. Dann erübrigt sich die Mahnung: Bei Liese sei lieb! Doch da ja immer einer oder eine der Bluthund werden muss, lesen wir zustimmend: Ella rüffelte Detlef für alle. Die Zirkusdirektorin ginge wohl nicht so weit, denn Erika feuert nur untreue Fakire, und den Beruf ergreifen ja meist nur Inder und keine Detlefe.

Wie eilig es Leichtathleten haben können, kommt palindromisch im Telegramm des finnischen Wunderläufers unnachahmlich zum Ausdruck: Der Langstreckler kabelte auf die Anfrage, warum man ihn nicht erreichen könne und was er denn zum Teufel tue: »I’m runnin’! Nurmi.« Das erinnert fast an die Lakonie, mit der der erste Mensch sich seiner frisch aus der eigenen Rippe geschöpften Partnerin im Garten Eden vorgestellt haben soll: »Madam, I’m Adam

Damit sind wir im palindramatischen Fach angekommen, und es bleibt nur noch die Steigerung zum Dialog. Ich stelle mir gern als Schlussszene einer Liebesschnulze folgende Situation vor: Der singsangende Herr Lindenberg hat endlich nach mancherlei Herzeleid begriffen, zu welcher flambierten Gespielin er gehört. Mit einem »Nur du, Gudrun!« stürzt er sich auf Frau Landgrebe, die in seinen Armen stöhnt: »O du relativ vitaler Udo!«

Kennen Sie, liebe Hausgäste, weitere “Palindrome” – einzelne Wörter, Wortgruppen oder gar ganze Sätze? Bitte schreiben Sie sie uns: d-a-ch[at]hausderdeutschensprache.eu !