Gedicht des Monats Juni 2008

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Heinrich Heine

Wenn der Lautsprecher verkündet: “Links der Loreley-Felsen“, dann droht der Rheindampfer zu kentern: Die japanischen und koreanischen Touristen drängen, die Kamera gezückt, auf die Backbordseite. Heinrich Heines Loreley-Gedicht “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin…“ – das haben sie, wie Goethes “Heidenröslein“, im Deutschunterricht auswendig gelernt.  Ausgerechnet das “Röslein, Röslein rot“ und die “Loreley“ gehören in Ostasien, wo man seine liebe Mühe mit “L“ und “R“ hat, zu den bekanntesten deutschen Gedichten. – Sonst weiß man dort sicher nicht allzu viel über Heine (1797-1856), den vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker seiner Zeit. Und wir?

Matthias S. aus Herbolzheim erinnert sich an seine Schulzeit in Heines Geburtsstadt Düsseldorf und hat dem HDS einen ganz andersartigen Text seines Lieblingslyrikers als “Gedicht des Monats“ Juni 2008 empfohlen,  eine von Heines beißenden politischen Satiren:

ERINNERUNG AUS KRÄHWINKELS SCHRECKENSTAGEN

Wir, Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat*)
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

“Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud’ und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammenstehn,
Da soll man auseinandergehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus**);
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert***);
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat****),
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.“

 

 

 

 

Porträt Heinrich Heine

So sah ich aus,
heute morgen, den 6ten April 1829
H. Heine

*) hier: Verordnung   **) etwa: Vereinshaus ***) ohne Gerichtsurteil erschossen   ****) Stadtverwaltung

Mancher denkt bei der ersten Zeile, Heine habe hier Hamburg im Visier: Bürgermeister und Senat. Doch “Krähwinkel“ nennt Heine wohl die Gesamtheit der reaktionär regierten Provinzen und Städte Deutschlands, das noch Jahrzehnte nach dem siegreichen Freiheitskrieg (1813-15) gegen Napoleon in viele Kleinstaaten zersplittert war.*).

Die zweimalige Addition von Christen und Juden zur Summe der Untertanen oder, wenn man so will, die getrennte Ansprache beider Gruppen durch die Obrigkeit in der vierten Strophe dient nicht allein dem schmucken Reim: Der Dichter, als Harry Heine in eine jüdische Familie geboren, konvertierte1825 zum Protestantismus und nannte sich seither Heinrich. Fromm war er weder als Christ noch als Jude. Im christlichen Taufschein, so hat er selbst es ausgedrückt, sah er sein “Entreebillet zur europäischen Kultur“. Das Mit- und Gegeneinander der christlichen und jüdischen Bürger und Traditionen blieb für ihn bis zuletzt ein politisches und zugleich ein ganz persönliches Thema.

Der in allen Strophen durchgehende Paar-Reim (Zeile 2 reimt sich sofort auf Zeile 1, Zeile 4 auf 3) lässt den preußisch-ratternden Behördenton anklingen.

Der Text erschien erstmals in der Sammlung “Gedichte 1853 und 1854“, gehört also zu den letzten Werken Heines. 1831 hatte er sich ins Exil nach Paris begeben. Ermuntert durch den Erfolg der bürgerlichen Juli-Revolution von 1830 in Frankreich, entzog er sich den damals immer repressiveren Obrigkeiten in den deutschen Staaten, besonders in Preußen. (1834 wurden seine Werke, wie auch die anderer junger Dichter, verboten).

In Paris ist Heine im Alter von 59 Jahren gestorben, nach jahrelanger Krankheit und verarmt, aber schon damals von vielen als Dichter verehrt.

Seine anhängliche Liebe zu Deutschland erhielt er sich bis zum Tode im Exil und damit auch seine Sorge um die politische Entwicklung in der Heimat. Das wird – wie in diesem Gedicht – in zahlreichen anderen, elegant spottenden Texten deutlich. Er blieb hin- und hergerissen, half sich mit Selbstironie.

ANNO 1839

Oh, Deutschland, meine ferne Liebe,
Gedenk ich deiner, wein ich fast!
Das muntre Frankreich scheint mir trübe,
Das leichte Volk wird mir zur Last.

Nur der Verstand, so kalt und trocken,
Herrscht in dem witzigen Paris –
Oh, Narrheitsglöcklein, Glaubensglocken,
Wie klingelt ihr daheim so süß!

Höfliche Männer! Doch verdrossen
Geb ich den art’gen Gruß zurück. –
Die Grobheit, die ich einst genossen
Im Vaterland, das war mein Glück!

Lächelnde Weiber! Plappern immer,
Wie Mühlenräder stets bewegt!
Das lob ich Deutschlands Frauenzimmer,
Das schweigend sich zu Bette legt.

Und alles dreht sich hier im Kreise,
Mit Ungestüm, wie’n toller Traum!
Bei uns bleibt alles hübsch im Gleise,
Wie angenagelt, rührt sich kaum.

Mir ist, als hört’ ich fern erklingen
Nachwächterhörner, sanft und traut;
Nachtwächterlieder hör ich singen,
Dazwischen Nachtigallenlaut.

Dem Dichter war so wohl daheime,
In Schildas teurem Eichenhain!
Dort wob ich meine zarten Reime
Aus Veilchenduft und Mondenschein.

Schilda, Heimat der geistig nicht allzu hellen “Schildbürger“, entspricht in etwa dem “Krähwinkel“ (s.o.).

 

Das ist ein ganz persönliches Gedicht, wie auch die NACHTGEDANKEN, deren erste Verse wir heute fast redensartlich brauchen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Das wehmütige Gedicht hat freilich kein politisches Thema: Heine macht sich Sorgen um die geliebte Mutter, die er seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hat:

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Heines Lyrik kennt also nicht nur politische Themen. Sein satirisches Talent ruft gern auch Hochmut in die Schranken (vgl. a. sein Gedicht “Alte Rose“), konfrontiert salbungsvoll Nichtssagendes mit erfahrener Wirklichkeit, amüsiert sich über Wortgeklingel.
Der “Epilog“ zu der oben genannten Gedichtsammlung beginnt zum Beispiel mit den Versen:

Unser Grab erwärmt der Ruhm.
Torenworte! Narrentum!
Eine bessre Wärme gibt
Eine Kuhmagd, die verliebt
Uns mit dicken Lippen küsst
Und beträchtlich riecht nach Mist.
Gleichfalls eine bessre Wärme
Wärmt dem Menschen die Gedärme,
Wenn er Glühwein trinkt und Punsch
Oder Grog nach Herzenswunsch.

Oder:

Der Brief, den du geschrieben,             Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ermacht mich gar nicht bang;                Ein kleines Manuskript!
Du willst mich nicht mehr lieben,           Man schreibt nicht so ausführlich,
Aber Dein Brief ist lang.                        Wenn man den Abschied gibt.

Nicht allein politisch und nicht allein spöttisch oder satirisch: Heine hat uns eine große Zahl empfindsamer Gedichte von melancholischer Schönheit und Melodik hinterlassen. Die LORELEY ist eines davon. Sein “Buch der Lieder“, 1827, also noch aus der Zeit in Deutschland, kennzeichnet er selbst so:

“Sag, wo ist dein schönes Liebchen,
Das du einst so schön besungen,
Als die zaubermächt’gen Flammen
Wunderbar dein Herz durchdrungen?“Jene Flammen sind erloschen,
Und mein Herz ist kalt und trübe,
Und dies Büchlein ist die Urne
Mit der Asche meiner Liebe.

Und tatsächlich ist das Erlöschen der Liebe fast durchgehend ein Thema dieser Sammlung.

Das zarteste unter Heines Gedichten über die Verkettung von Liebe und Tod ist vielleicht DER ASRA in der Sammlung “Romanzero“ (1851). Der Dichter gibt dem Thema etwas Geheimnisvolles, indem er es in den Orient
verfremdet und zugleich an seiner persönlichen Nähe und “Betroffenheit“ keinen Zweifel lässt.

Täglich  ging die wunderschöne              Eines Abends trat die Fürstin
Sultanstochter auf und nieder                 Auf ihn zu mit raschen Worten:
Um die Abendzeit am Springbrunn,         “Deinen Namen will ich wissen,
Wo die weißen Wasser plätschern.        Deine Heimat, deine Sippschaft!“Täglich stand der junge Sklave                Und der Sklave sprach: “Ich heiße
Um die Abendzeit am Springbrunn,          Mohammed, ich bin aus Yemen,
Wo die weißen Wasser plätschern;        Und mein Stamm sind jene Asra,
Täglich ward er bleich und bleicher.        Welche sterben, wenn sie lieben.“

Der streng durchgehaltene, einheitliche Silbenrhythmus lässt den Hörer kaum bemerken, dass Heine hier auf Reime verzichtet.

Nicht satirisch, aber doch melancholisch-ironisch verbinden sich das Motiv Tod und das Thema Deutschland/Frankreich in der quasi autobiographischen Ballade vom “verlorenen Kind“, vom

ENFANT PERDU
Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,
Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,
Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.Ich wachte Tag und Nacht – Ich konnt nicht schlafen,
Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar –
(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven
Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war).

In jenen Nächten hat Langweil’ ergriffen
Mich oft, auch Furcht – (nur Narren fürchten nichts) –
Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen
Die frechen Reime eines Spottgedichts.

Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,
Und nahte irgendein verdächt’ger Gauch,
So schoß ich gut und jagt ihm eine warme,
Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

Mitunter freilich mocht es sich ereignen.
Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut
Zu schießen wußte – ach, ich kann’s nicht leugnen –
Die Wunden klaffen – es verströmt mein Blut.

Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen –
Der eine fällt, die andern rücken nach –
Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen
Sind nicht gebrochen – nur mein Herze brach.

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*) Für Heine und einige seiner dichterischen Zeitgenossen war der Ruf nach bürgerlichen Freiheiten (Gedanken, Presse, Justiz) nur ein Teil ihres Anliegens und durchaus nicht immer der wichtigste. Ebenso drängend wie die – an Frankreich und den jungen Vereinigten Staaten von Amerika orientierte – Forderung nach bürgerlichen Freiheiten war für sie – schon vor 1848 – das Verlangen nach  Überwindung der deutschen Kleinstaaterei, nach Einigung auf einen alle deutschen Provinzen vereinigenden Nationalstaat.

1841 hat Heines eher “demokratie-ferner“ Zeitgenosse und Dichter August Heinrich Hoffmann (von Fallersleben, 1798-1874) in seinem “Lied der Deutschen“, dessen dritte Strophe jetzt die deutsche Nationalhymne ist, an erster Stelle Einigkeit gefordert: “Einigkeit und Recht und Freiheit…“ (und Deutschland dabei eher großräumig kartographiert: “Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“).