Buchstäblich

Zur Geschichte der deutschen Schrift

Stößt ein heute junger Mensch beim Stöbern auf dem Dachboden auf ein Bündel Papiere seines Urgroßvaters, wird er sie kaum entziffern und deshalb auch nicht erkennen können, dass es dessen Liebesbriefe an die Uroma sind. Nur das Datum kann er lesen.1929? 1930?

Ganz unten im Bündel findet sich die gedruckte Heiratsanzeige der beiden. Auch diese Drucktypen hat er in der Schule nicht kennengelernt. Aber die gedruckte “Frakturschrift“ ist mit etwas Findigkeit zu entziffern. Manchmal findet man sie heute noch, etwa im Namenszug von Zeitungen, z.B.

Frankfurter Allgemeine Neue Zürcher Zeitung Salzburger Nachrichten

Ähnliche Drucktypen findet man auch außerhalb des deutschsprachigen Raums:

Le Monde The New York Times Il Messaggero

1929 bis 2009 – das waren gerade einmal 80 Jahre. Die ersten handgeschriebenen und erhaltenen Zeugnisse der deutschen Sprache sind aber über 1200 Jahre alt, die ersten gedruckten bald 600. (Johannes Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks, lebte von etwa 1400 bis 1468.) Dass sich beides, Schreib- und Druckschrift, über einen so langen Zeitraum immer wieder und erheblich verändert hat, kann also nicht verwundern.

Mit der Bitte um eine Darstellung dieser Entwicklung hat sich das HDS an den Bund für Deutsche Schrift und Sprache gewandt und von ihm Hilfe erhalten. Harald Rösler hat den folgenden Text eigens für das HDS verfasst und illustriert. Besten Dank! Dafür, dass er dabei für seine persönliche Sicht und die seines Bundes wirbt, hat das HDS respektvolles Verständnis.

Die deutsche Schrift – mehr als nur “Sütterlin“

Von Harald Rösler

Beginnen wir mit der Beseitigung eines Mißverständnisses: “Sütterlin“ ist gerade nicht “die“ alte deutsche oder altdeutsche Schrift, sondern eine von vielen dieser Art.

Sütterlin und andere deutsche Schreibschriften

Einigen wir uns deshalb darauf, die “gebrochenen“ Druckschriften (Gotisch, Schwabacher, Fraktur, Kanzlei) und die “spitzen“ Handschriften (Kurrent, Sütterlin und weitere) unter dem Begriff “deutsche Schrift“ zusammenzufassen. Den Gegensatz bilden die heute üblichen „runden“ Schreib- und Druckschriften, die übergreifend als “lateinische Schrift“ bezeichnet werden.

Ihren Ursprung haben sie alle in der Schrift der Römer. Diese hatten nur Großbuchstaben (“Majuskeln“ oder “Kapitalien“), und auch J, K, U, W und Z gehörten nicht zum Standard – sie konnten zunächst durch I, C, V, VV und C dargestellt werden und schlichen sich erst allmählich ins Schriftbild ein. Die Großbuchstaben wurden in Denkmäler (Monumente) aus Stein (lapidus) gemeißelt, und schon wegen des knappen Platzes erwies sich der dürre “Lapidar“stil als zweckmäßig. CAESAR schrieb lapidar: VENI, VIDI, VICI (Ich kam, sah, siegte.).

SerifenEine eher “technische“ Erscheinung dieser Schriftform, als “Monumentalis“ bekannt, findet sich heute noch in vielen Druckschriften: die “Serifen“. Beim Meißeln in Stein oder beim Schreiben mit der Rohrfeder bildeten sich an den Buchstabenenden Verdickungen, “Füßchen“ könnte man sagen, und die haben sich gehalten (z. B.in der Times New Roman oder der Courir New Ihres Rechners), ebenso wie verschiedene Strichstärken bei An- oder Auf- und Abstrichen. In den heutigen Druckschriften findet man den Gegensatz bei sogenannten Groteskschriften wie der Arial – dort sind die Strichstärken einheitlich, und auch die Serifen fehlen. – Nach dem Zerfall des Römischen Reiches kamen viele örtliche Schriftvarianten auf.

Ich springe direkt nach Deutschland ins beginnende neunte Jahrhundert zur Zeit Karls des Großen. Nicht nur bei der Verwaltung des Reiches, sondern auch bei der Schrift wurde ein Streben nach Vereinheitlichung stärker. So wurde die “Karolingische Minuskel“ geschaffen, benannt nach Kaiser Karl. Sie nimmt in der abendländischen Schriftentwicklung eine epochale Stellung ein. Im Namen Minuskel zeigt sich, daß sie eine Kleinbuchstabenschrift war, im Gegensatz zu den römischen Majuskeln (Großbuchstaben). Sie ist die Schrift der ältesten Denkmäler in deutscher Sprache, zum Beispiel des Hildebrand-Liedes, um 800 im Kloster Fulda niedergeschrieben.

Die Karolingische Minuskel ist im eigentlichen Sinne “die“ Schrift des Abendlandes, und aus ihr entwickelten sich sowohl die gebrochenen deutschen als auch die runden romanischen Schriften. Um 1050 fand die neue Schrift Eingang in die päpstliche Kanzlei, und damit ist sie die Hauptträgerin der antiken und christlichen Überlieferung geworden. Sie bildet den krönenden Abschluß einer jahrhundertealten Schriftgeschichte des römischen Kulturkreises und zugleich die breite Grundlage für die folgenden Schriftform-Entwicklungen der abendländischen Völker.

Karolingia

Im 12. Jahrhundert machte sich bei der Karolingischen Minuskel eine wesentliche Veränderung bemerkbar, indem die Rundungen eckig gebrochen wurden. Die Schaft-Enden wurden an Kopf und Fuß umgebogen, die Zugrichtung der Schrift wurde steil. Die Schrift erschien insgesamt enger als vorher, und die Senkrechte wurde nun stärker betont als bisher.

Unter dem Einfluß der Gotik (13./14. Jahrhundert) entstand die Gotische Minuskel oder Gotische Buchschrift, immer noch eine Kleinbuchstabenschrift. Die eckige  gotische Minuskel bildete sich vor allem nördlich der Alpen heraus, während im italienischen und iberischen Raum die rundgotischen Schriften bevorzugt wurden, die nicht so streng gebrochen waren und mehr Bögen aufwiesen.

Gotische Kursive und Minuskel

(Die Bezeichnung “Gotische Schrift“ hat mit dem Volk der Goten so wenig zu tun wie der “Vandalismus“ mit den Wandalen. In ihr drückt sich die Geringschätzung des Humanismus (seit etwa dem Ende des 14. Jahrhunderts) für das “mittelalterliche Barbarentum“ aus). Die gotische Buchschrift wurde im 13. Jahrhundert immer enger. Zugleich begann eine starke Verschränkung bestimmter Buchstabenpaare. Diese waren die Vorläufer der Buchstabenverbünde, in der Fachsprache “Ligaturen“ genannt. Im hochwertigen Schriftsatz finden wir heute noch Ligaturen:

Ligaturen

Von der gotischen Buchschrift zweigte sich bald eine gotische Kursive als Geschäfts- und Briefschrift ab, mit vereinfachten Formen und Verbindung der Buchstaben.

Im 14. Jahrhundert wurde bei der gotischen Buchschrift die Brechung allmählich immer eckiger. Die senkrechten Buchstabenschäfte wurden am oberen und unteren Ende schräg geführt und damit doppelt gebrochen.

Verbunden mit engen Buchstabenabständen, Zeichenverschränkungen und Bindebögen, entwickelte sich so die “Textura“, die ihren Namen der gitterartigen Struktur von Textilien verdankt. Zu dieser Zeit werden zwei verschiedene S-Formen gut erkennbar. Am Wortanfang und in der Wortmitte wird meist das lange s verwendet, am Wortende dagegen das runde s, zunächst noch in wechselnden Formen. Das kleine t erhält seinen Querstrich, und im 14. Jahrhundert kommt der i-Punkt auf.

Textura

Die strenge Textura genügte bald den Anforderungen des Zeitalters nicht mehr. Die schriftstellerische Tätigkeit und der Schriftgebrauch in den weltlichen wie in den kirchlichen Verwaltungen nahmen zu, und nicht jeder hatte die Zeit und Geduld der klösterlichen Schreiber. Für den Alltagsgebrauch und rasches Schreiben war die Textura zu ungelenk. So entwickelte sich neben der gotischen Buchschrift die schon erwähnte gotische Kursive weiter, und es entstanden rundgotische Schriften.

Die Abgrenzungen der Schäfte durch Ansatz- und Abschlußlinien verwandelten sich allmählich in eine wirklich flüssige Verbindung durch Haarstriche. Die sehr eng zusammenstehenden Buchstaben rückten weiter auseinander.

Johannes Gutenberg In diese Zeit, also die Mitte des 15 Jahrhunderts, fällt die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg.
Im 16. Jahrhundert setzte sich die Entwicklung zu mehr Großzügigkeit und stärkerer Verbindung der Einzelbuchstaben beim Schreiben fort. Die Misch-Schriften verschwanden langsam, und die Schreibmeister der damaligen Zeit unterschieden nach “Kurrente“,“Kanzleischrift“, “Fraktur“, “Textura“ und “Rotunda“.
Johannes Gutenberg

Konzept- und Reinschriften aus dem 16. Jahrhundert

Die Kurrentschrift, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, zeigte ein starkes Streben nach “Einzügigkeit“, d. h. zum Schreiben eines Buchstaben ohne abzusetzen, eben “in einem Zuge“. Ferner hat die Kurrentschrift viele Spitzen und scharfe Ecken, ovale Rundungen und Schlingen an den Ober- und Unterlängen, an die man weitere Buchstaben ohne Mühe anfügen kann. Ihren Namen verdankt die Kurrentschrift dem lateinischen currere = laufen.

Die Kanzleischrift ist nicht so flüssig wie die Kurrent, obwohl die Buchstaben miteinander verbunden sind. Etliche Buchstaben werden, wie der Schreibmeister Fugger sagte, “mit einer Rauten oder Quadraten gezieret und gebrochen“. Diese Raute wurde später häufig zum Häkchen, das am oberen Schaft-Ende nach oben, am unteren Ende nach unten offen ist. Bei flüchtigerer Schrift und Verwendung einer schmaleren Feder verwandelten sich später, im 18. und 19. Jahrhundert, die beiden Spitzen des Häkchens an den Bruchstellen in schleifen-, punkt- oder ringelartige Ansätze, die auf die Entwicklung späterer Gebrauchshandschriften Einfluß gehabt haben. Die Kanzlei wurde vorwiegend für bessere Urkunden gebraucht.

In ähnlicher Weise findet man die Fraktur meist neben Kanzlei und Kurrent verwendet, und zwar in größerer Ausführung. Sie war unter dem Einfluß der Renaissance als neue Schrift entstanden. Das An- und Abschwellen der Züge und vor allem die Verwendung des S-förmigen Schnörkels, des sogenannten “Elephantenrüssels“ im Aufstrich oder Hauptschaft der Großbuchstaben, sind das Wesentliche an der Fraktur. Die Schäfte sind kräftig, aufrechtstehend und ziemlich dicht gesetzt, so daß ein senkrecht betontes Schriftbild entsteht.

Im 18. Jahrhundert verwischten sich häufig die Merkmale von Fraktur und Kanzlei, so daß man von einer „Fraktur-Kanzlei“ als besonderer Abart der beiden Schriften sprechen kann.

Auch die Rotunda lehrten die Schreibmeister des 16. Jahrhunderts. Sie war schon im 14. Jahrhundert in Italien aufgekommen, wo man die strenge Gotik ablehnte und statt der starken Brechung Bögen bevorzugte. Aus Italien wurde sie von deutschen Druckern nach Deutschland gebracht. Man gebrauchte sie in der Regel für lateinische Texte und auch weit mehr im Druck als in der Schreibschrift.

Im 17. und 18. Jahrhundert fächerte sich die Kurrentschrift zunächst in eine große Zahl von Einzelausformungen auf. Allmählich wurde es zur Regel, der Schrift eine für das Schreiben naturgemäße Lage (Neigung) zu geben, die noch heute in unseren eigenen Handschriften zu bemerken ist. Auch tendierte die Schrift nun zu einer einfacheren Stilrichtung. So verschwanden im 18. Jahrhundert allmählich die vielen besonderen und willkürlichen Züge, es entwickelte sich die deutsche Schreibschrift, wie sie bis zum Zweiten Weltkrieg allgemein üblich war und noch heute vereinzelt geschrieben wird.

Ly-Feder In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich mit zunehmendem Gebrauch der spitzen englischen Stahlfedern der Charakter der deutschen Schreibschrift. Statt des Unterschiedes zwischen den Haar- und Grundstrichen der breiten Gänsekielfeder kam der Schwellzug auf, der durch wechselnden Druck der Feder hervorgebracht wurde. Außerdem wuchs der Gebrauch der Handschriften, die wir heute als “lateinische Schrift“ bezeichnen.Deren geschwungenere Formen sind auch als “englische Schreibschrift“ bekannt.
Ly-Feder

In Deutschland wurden diese runden Schriften vor allem durch den Stahlfederfabrikanten Soenecken in Bonn verbreitet. Soenecken brachte als erster in Deutschland die breite Rundschriftfeder in den Handel. Die Schreibfederfabrik Heintze & Blankertz in Berlin hingegen bot vor allem Schreibfedern für die deutsche Handschrift  an und dürfte vielen von Ihnen noch als “Ly-Feder“ bekannt sein.

Feder-Kurrent

 

Die sogenannte lateinische Schrift machte zwar Anleihen bei den Römern, doch die Bezeichnung ist irreführend, weil diese Form der Schrift erst in der Zeit des Humanismus (siehe oben) aufkam, also ein Kind der Renaissance ist. – Es war im 19. Jahrhundert üblich, in Briefaufschriften den Empfängernamen und den Ort in lateinischer Schrift, den Straßennamen aber in deutscher Schrift zu schreiben.

Ursprünglich gab es auch in den lateinischen Schriften das Lang-s. Es wurde allerdings nicht so spitz geschrieben wie in den Kurrentschriften, sondern hatte oben und unten kleine Schleifen. Damit wurde aber eine Verwechslung mit dem kleinen h der deutschen Schreibschrift möglich, das ja auch oben und unten Bögen hat. Durch Lese- oder Übertragunsfehler zwischen deutscher und lateinischer Schrift sind wir daher zu Namen wie Preuhs, Weihs, vielleicht auch Kahsner oder ähnlichen gekommen. Wenn Sie also ein h vor einem s im Namen führen: Ihre Vorfahren könnten ihren Name mit einem Doppel-s geschrieben haben.

Latein-Schreibschrift

 

“Cahsel” oder “Cassel?

Auch in der Schweiz war die “deutsche“ Handschrift verbreitet. Die Dichter Jeremias Gotthelf (1794-1854) und Conrad Ferdinand Meyer (1825-98) z. B. gebrauchten sie, auch Gottried Keller (1819-90). – In Österreich: Sigmund Freud (1856-1939) schrieb “deutsch“, Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) “lateinisch“. Im zu ihrer Zeit zweisprachigen Prag (tschechisch und deutsch) bevorzugte Rainer Maria Rilke (1875-1926; siehe Gedicht des Monats Juli 2008) die deutsche Schrift, sein Zeitgenosse Franz Kafka (1883-1924) die lateinische.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich zwei gegensätzliche Standpunkte zur Frage der Schrift. Die Firmen Soenecken und Heintze & Blankertz (siehe oben) spielten dabei eine Rolle, vorrangig wohl aus Geschäftsinteressen. Aber auch Lehrer, Verleger, Augenärzte und viele interessierte Leser und Schreiber meldeten sich zu Wort. Die einen, „Altschriftler“ genannt wegen der von ihnen bevorzugten Antiqua, wollten die lateinische Schrift gestärkt und möglichst die deutsche Schrift zurückgedrängt oder abgeschafft wissen. Die anderen, die Freunde der deutschen Schrift, hielten dagegen.

Daß ich von den Vorteilen der deutschen Schrift überzeugt bin, ist klar. Sonst gäbe es diesen Artikel und meine gelegentlichen Vorträge über das Thema nicht. – Der größte Vorteil der deutschen Schrift liegt in ihrer S-Schreibung. Wieso?

Das Deutsche neigt im Gegensatz zu anderen Sprachen zu wirklichen Wortzusammensetzungen. Die “Donaudampfschiffahrtgesellschaftskapitänswitwenrente“ ist fraglos konstruiert, aber schon dreigliedrige Formen sind häufig. Denken Sie z. B. an die Kirchenbucheintragung oder den Familienforscherverein. Andere Sprachen stellen die Teile solcher Fügungen nebeneinander, im Deutschen werden sie zusammengezogen. (Siehe dazu im HDS bei  Stoßdämpferreparaturannahmestelle)

Hier bietet die deutsche Schrift wahre Lesehilfe. Das Schluß-s bezeichnet das Wort- oder Teilwortende, es zeigt in Zusammensetzungen die Trennfuge an, es signalisiert dem lesenden Auge: Aufpassen, hier gibt es eine Besonderheit:

Wachstube – Wachstube
Windeseile – Windeseile
Versendung – Versendung

Steht links die Stube der Wache oder die Tube mit Wachs? Was sind die Seile der Winde, was die große Eile?
Was ist die Endung des Verses, was die Aufgabe der Post? Diese Fragen würden sich bei der Benutzung der deutschen Schrift erst gar nicht stellen, denn das lange s steht am Anfang einer Silbe, das runde s am Ende:

Unterschied zwischen den s-Typen

Sagen Sie jetzt bitte nicht, das könne man doch alles aus dem Zusammenhang erkennen! Man kann, aber warum sollte man, wenn es auch einfacher geht? Das Anhalten beim Lesen, um nach dem Zusammenhang zu forschen, ist eine Lesehemmung. Wozu sollte die gut sein? Meist ist so ein Stutzen mit lästigem „Zurücklesen“ verbunden.

Meine Damen und Herren, hier kommen wir zu einer grundsätzlichen Überlegung, zu einer Kardinalfrage. Unsere These:
D i e   S c h r i f t   i s t   n i c h t   z u m   S c h r e i b e n   d a !

Sie stutzen? An dieser Stelle ist es gewollt. Der Sinn des Schreibens, der Schrift ist es, gelesen zu werden. Die Schrift hat dienende Funktion. Sie hat dem Leser, dem Verbraucher, wenn Sie so wollen, möglichst bequem die Information hinüberzubringen und soll Unklarheiten vermeiden. Es wird millionenfach mehr gelesen als geschrieben. Die Schrift hat sich den Bedürfnissen des Lesers anzupassen, nicht umgekehrt. Warum haben viele von uns nicht eine Handschrift, sondern mehrere? Die eine, vielleicht ein wenig nachlässigere, für den Einkaufszettel. Die andere, die Schönschrift, verwenden wir, wenn wir an jemanden schreiben. Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen und zugleich sichern, daß der andere unsere Botschaft versteht.

Obwohl ich selbst Frakturschriften bevorzuge, muß ich Antiqua verwenden, wenn ich nicht weiß. ob der Empfänger meiner Informationen Fraktur lesen kann. Hier habe ich einfach die dienende Funktion der Schrift zu akzeptieren.

Zu einem Sonderfall der S-Schreibung: Das ß, oft “scharfes s“ genannt, ist aus einer Verschmelzung von Lang-s und Schluß-s entstanden. Die Bezeichnung „eszett“ ist also irreführend, aber erklärbar, wenn man sich den Kleinbuchstaben z ansieht. Dieses ß ist nur eine typographische Variante des verdoppelten s-Lautes. Es kommt nach langen Vokalen und am Silbenrand vor, außerdem auch nach kurzem kurzem Vokal vor t. (Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum mit der sogenannten Rechtschreibreform das ß nach kurzem Vokal abgeschafft wurde. So schwer war doch die Regel nicht, daß Doppel-s am Silben- und Wortende sowie vor t zu ß wird, oder?)

Bitte sehen Sie sich die Sache einmal an: Hier haben wir ein Lang-s und hier ein Schluß-s. Wenn wir die nun aufeinander zu bewegen und am Ende miteinander verschmelzen, kommen wir zu dem Zeichen, das ich auch weiter als „eszett“ bezeichnen will, um Verwechslungen mit dem Ausdruck “scharfes s“ zu vermeiden.

ß-Verschmelzung

Ähnlich ist die Verschmelzung in den “lateinischen“ Schriften, z. B. bei der “Antiqua“ verlaufen. Auch hier bleiben die Bestandteile Lang-s und Rund-s erkennbar:

ß-Verschmelzung in der Antiqua

Das Schriftbild ist für das bequeme Lesen wichtig. Es heißt ja nicht umsonst “lesen“ und nicht “buchstabieren“. Wir erfassen, besonders beim schnellen Lesen, Wortbilder und nicht Buchstabenfolgen. Zum Erfassen von Wortbildern ist aber die Fraktur mit ihren vielen Ober- und Unterlängen besser geeignet als die “lateinische“ Antiqua. Die ist in ihrer bandförmigen Art für vokalreiche und silbenorientierte, offene Sprachen wie das Italienische oder Französische bestens geeignet, zumal dort Bandwurmwörter selten sind.

Das zusammensetzungsfreudigere, konsonantenreichere Deutsch hatte in den gebrochenen Schriften eine Form, die ihm besser zu Gesicht stand und steht als die “lateinische“ Antiqua.

Warum sieht man Fraktur trotz den geschilderten Vorteilen immer seltener? Ein unerfreuliches Kapitel der Geschichte: Der Schriftstreit (zwischen Fraktur- und Antiqua-Anhängern) schwelte auch nach 1933 weiter. Anhänger beider Schriften waren in der NSDAP und in den staatlichen Stellen des Dritten Reiches zu finden. Hitler selbst und Goebbels waren keine Fraktur-Anhänger. Im Gegenteil, sie mokierten sich über das “rein Gotische“ und die “barocken Schnörkel“ in den gebrochenen Schriften. Ihr weiterer Gesichtspunkt war: Sowohl in den zurückeroberten als auch in den besetzten Gebieten konnte ein Teil der Bevölkerung die deutsche Schrift nicht lesen. Das mag manchmal der Fall gewesen sein, manchmal auch eine Schutzbehauptung, jedenfalls wurde es von der Führung des Reiches bereitwillig geglaubt.

Schon vor 1933 hatten manche den Antiqua-Druck zur Verbreitung deutschen Schrifttums im Ausland gefordert. Es gab andererseits auch viele Stimmen, gerade von Ausländern, die sich für die deutsche Schrift bei Werken in deutscher Sprache meldeten, aber die wurden nicht gehört.

Auch der Aberglaube von der Überforderung der Schüler durch die Zweischriftigkeit war nicht totzukriegen. Daß das ein Aberglaube ist, sehen Sie leicht an den Millionen von Schülern, die Griechisch, Hebräisch oder Russisch gelernt haben, oder an denen aus Israel, Japan, China, dem arabischen Raum usw., die einen fremden Zeichensatz für das Erlernen von Englisch, Deutsch oder Französisch lernen müssen. Da jammert auch niemand von “Überforderung“. Überforderung – eindeutig ein Scheinargument.

Kurz, 1940 war die militärische Stoßrichtung Griechenland und  Moskau festgelegt, und Hitler wollte wohl bei der Schrift rechtzeitig Tatsachen schaffen. Politisches Kalkül verband sich mit privat-ästhetischen Gesichtspunkten, und nach einer Besprechung am 3. Januar 1941 teilte Hitlers Stellvertreter Martin Bormann den Parteidienststellen in einem “Nicht zur Veröffentlichung“ bestimmten Rundschreiben mit:

(Briefkopf der NSDAP; sinnigerweise in Fraktur)
z. Zt. Obersalzberg, den 3.1.1941

Rundschreiben
(nicht zur Veröffentlichung)

Zur allgemeinen Beachtung teile ich im Auftrag des Führers mit:
Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.
Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiquaschrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden.
Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben. Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden.
Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen.

gez. M. Bormann

[Bundesarchiv Koblenz / Bestand „NS 6/334“]

Die Begründung dieser Verordnung ist in allen Einzelheiten falsch. „Die sogenannte gotische Schrift“ entstand nicht aus der Schwabacher, sondern umgekehrt entwickelte sich die Schwabacher aus der gotischen Schrift. Die Annahme, daß die Schwabacher von einem Juden geschaffen sei, geht davon aus, ihr Erfinder trage den Namen des Ortes, aus dem er stammt, und das sei nur bei Juden der Fall. Dafür gibt es aber keinen Anhalt. Die Schwabacher ist das Ergebnis einer vieljährigen Entwicklung, die bis auf Gutenbergs Mitarbeiter Schöffer zurückgeht.

Alte Schwabacher

Alte SchwabacherAber es ging ja nicht um fachliche Argumente. Es ging um die Durchsetzung der Absicht, die Fraktur zurückzudrängen und am Ende ganz abzuschaffen. Selbst ein so absoluter Herrscher wie Adolf Hitler hätte sich aber wohl übernommen, wenn er für diese Absicht nicht eine Begründung geliefert hätte, und sei es eine falsche. Aus diesem Grund dürfte die Zwecklüge von den “Schwabacher Judenlettern“ entstanden sein. Jüdisches hatte einfach schlecht zu sein.

Zunächst könnten Sie sagen: “Ja, aber da ist doch mit keinem Wort von einem Verbot die Rede“, aber dann betrachten Sie bitte auch die damalige Zeit näher. Es bedurfte gar nicht eines besonderen, auch noch so bezeichneten Verbotes. Die Grundlinie war vorgegeben, und man konnte sicher sein, daß sie auch in Verwaltungsvorschriften und dergleichen umgesetzt werden würde.

Es kam, wie es kommen mußte, wenn auch durch den Krieg verzögert. Als erstes stellten die Behörden ihre Schrift um. Wegen der Materialknappheit waren neue Drucktypen nicht so schnell zu beschaffen, Blei wurde zunächst mal für Munition gebraucht, und andererseits ging es ja bei Schildern usw. um Neubeschaffung, nicht um Austausch. So läßt sich auch erklären, warum “zivile“ Veröffentlichungen sowieso, aber auch Dienstvorschriften der Reichsbahn weiter in Fraktur erschienen. Nach und nach hielt aber die Antiqua ihren großen Siegeszug.

Da ich gerade bei dieser Zeit bin – gelegentlich habe ich Zweifel vernommen, ob es diesen Erlaß wirklich gegeben habe. Habe sich da jemand etwas aus den Fingern gesogen? Die Armen im Geiste! Erstens liegt das Original im Bundesarchiv in Koblenz, und ein zweites Exemplar wurde im DDR-Staatsarchiv in Potsdam gefunden.

Briefmarke von 1936 Zweitens hilft schon ein Blick in den Briefmarkenkatalog weiter. Die Reichspost war als Behörde zur Umsetzung des Erlasses verpflichtet, und für die Druckstöcke von Briefmarken wurde ja auch weit weniger Messing und Blei gebraucht als z. B. für eine Zeitungsdruckerei. Überzeugen Sie sich selbst – bis 1940 überwiegend Fraktur, danach Antiqua.

Nach dem Kriege waren die Besatzer naturgemäß nicht daran interessiert, deutsche Kultur zu fördern. Sie ließen zwar für Zeitungen und ähnliche Druckwerke zum Teil Frakturen zu, verboten aber im offiziellen Schriftverkehr (z.B. Mieterlisten von Häusern) die Verwendung der deutschen Schreibschrift, derer sie nicht mächtig waren oder nicht mächtig sein wollten.Briefmarke19361943Das eigentliche, generelle Verbot der gebrochenen Schriften (das ja nie Gesetzeskraft erlangt hatte und ohnedies rechtlich fragwürdig gewesen wäre) setzten auch die Besatzungskräfte nicht durch. Im Grunde wurde der Verbotserlaß Bormanns erst durch die Länderregierungen Westdeutschlands befolgt, die damit gewollt oder ungewollt, bewußt oder unbewußt, aus welchen Gründen auch immer, sich zu späten Erfüllungsgehilfen der Nazis machten.

So konnte es denn auch geschehen, daß in Westdeutschland die gedanklich-unterschwellige Meinung aufgebracht und (in kleinen Dosen) vermittelt wurde: “Fraktur = Nazis = Neonazis = Ewiggestrige = Unbelehrbare = politisch unkorrekt =…“.
Und hier, meine Damen und Herren, kommt der Mechanismus wieder zum Tragen, von dem ich vorhin im Zusammenhang mit dem Bormann-Rundschreiben sprach.

So hinterhältig die Zwecklüge Bormanns von den „Judenlettern“ war, so heimtückisch ist die heute verbreitete Bezeichnung “Nazischrift“. Fachlich ist eines wie das andere nicht zu halten, also müssen ideologische Totschlagwörter her. Einzig das Vorzeichen hat sich geändert.

Übrigens sah die Sache in der DDR etwas anders aus. Dort war Fraktur nicht anrüchig, und wo sie verwendet wurde, da geschah das in der Regel auch gekonnt und nicht nur gewollt. Der BfdS führte zum Beispiel in den 1980er Jahren Klage darüber, daß in der DDR noch regelmäßig schöne Frakturbände verlegt wurden, während im Westen auf diesem Gebiet längst  der Notstand herrschte. Oder denken Sie nur an die Vor- und Abspanne von DEFA-Filmen der DDR. Ob das nun „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ war oder „Das Buschgespenst“ – es ist noch heute eine Freude, die richtige Frakturanwendung zu sehen. – Leider ist mit dem Niedergang der Druckindustrie in Sachsen und Thüringen auch die Zerstörung der Fraktur fast abgeschlossen.

Der “Bund für deutsche Schrift“ wurde 1941 vom Reichsinnenminister zur Selbstauflösung aufgefordert, weil ja der Arbeitsgegenstand weggefallen sei. Dieser Aufforderung kam der Bund nach, um einem förmlichen Verbot zu entgehen. Der größte Teil der Akten wurde gerettet und überdauerte den Krieg.

1951 wurde der “Bund für deutsche Schrift“ wieder gegründet, diesmal mit Sitz in Hannover. Er stellt zwar nicht selbst Frakturschriften für Rechner her oder vertreibt sie, aber bei der Vermittlung helfen wir schon. Das, was Ihnen z. B. Microsoft oder Corel bieten, taugt nichts. Dort fehlt das Lang-s, und damit sind diese Angebote für den Fraktursatz gänzlich ungeeignet. Wenn Sie also am Rechner einen korrekten Fraktursatz zustandebringen wollen, dann fragen Sie uns, wir können Ihnen mit den Anschriften von Lieferanten helfen. Wir sind nicht irgendwo in der Geschichte stehengeblieben, sondern gehen mit der Zeit, wissen moderne Technik zu schätzen. Zu der gehören auch Hilfsprogramme, die den richtigen Einsatz der S-Laute (Lang-s und rundes Schluß-s) erleichtern. Nähere Auskunft bei www.bfds.de

Liebe Besucher des HDS, ich hoffe, daß Sie jetzt klarer sehen, was Sie von der Fraktur und ihren Befürwortern halten sollen, und daß Sie ohne Berührungsangst mit dieser Schrift und mit uns umgehen. Der “Bund für deutsche Schrift und Sprache“ ist ein Kulturverein, keine politische oder ideologische Initiative. Wir wollen unsere Wurzeln nicht vergessen, sind aber durchaus auf der Höhe der Zeit. Wer die deutsche Schrift und die deutsche Sprache mag, ist uns willkommen.