Gedicht des Monats September 2009

Scherzo

Das Absolute ist eine Sache von Sekunden.
Ich bringe dich zum Flughafen.
Ein Aufschrei der Ruhe geht durch meinen Körper.
Bald trennen uns Wolken.

Mit der Langsamkeit eines traurigen Gedankens
Rollt die Maschine zur Startbahn.

Darüber wölbt sich der Himmel
Geduldig von Abschied zu Abschied.

Dein Flugzeug ist schon kleiner
Als ein weggeworfenes Streichholz.

Jürgen N. in Frankfurt am Main hat dem HDS geschrieben: “Ich sende Ihnen eines meiner Lieblingsgedichte von Wolf Wondratschek […] Meine Liebe zur Lyrik hat ihre Wurzeln schon in meiner Kindheit. Diese Liebe […] ist geblieben […] Meine andere große Liebe ist die Musik, die ja auch sehr vom Text lebt.“

Wir kennen allerdings, lieber Herr N., auch viel gute Musik, die ohne Text auskommt, und so manches Gedicht, dem nie eine Vertonung und doch viel Beifall zuteil wurde.

Aber wir verstehen Sie richtig und danken für Ihren Vorschlag zum Gedicht des Monats. Laufen Ihre beiden Lieben, Lyrik und Musik, vielleicht deshalb bei Wondratschek zusammen, weil viele seiner Gedichte zu Liedern der Rock- und/oder Pop-Musik im letzten Drittel des  20. Jahrhunderts vertont wurden?

Die von Ihnen ausgewählten Verse haben den Untertitel “Abschiedsstück 3“ und sind der letzte Teil einer kleinen Serie Wondratscheks (1993). Die war – von vornherein – auf eine Vertonung durch den Komponisten Wolfgang Rihm angelegt.

Wolf WondratschekDas Werk von Wondratschek, 1943 geboren und seit Mitte der 1960er Jahre literarisch auffällig, ist schwer oder (noch?) gar nicht einzuordnen. W. schreibt vermutlich noch.

Was wir bisher von ihm zu lesen bekamen, ist eine weit gefächerte Sammlung von Gedichten, Hörspielen und Prosatexten. Sie alle zeichnen sich durch eine ungewöhnlich geradlinige Sprache aus. Die Sätze stehen meist unverbunden nebeneinander. Jedem einzelnen will er eine komplette Aussage anvertrauen. Diese Art von “Unverblümtheit“ kann provozierernd wirken, auch schockierend, je nach Inhalt. Das ist in keinem Fall W.s oder seiner Leser Pech, sondern immer so gewollt.

Nur die Sätze zählen. Die Geschichten machen keinen Spaß mehr. Eine Geschichte ist die Erinnerung an einen Satz. Ich erzähle einen Satz zu Ende.

 

Zum Beispiel: KINO
Da sitz ich
ganz hinten
ganz allein
im Kino
und möchte gern
tot sein
mit Tränen
in den Augen
jahrelang
mit beiden Armen
auf der Lehne

Zum Stilmittel, jeden Satz, möglichst jeden Vers für sich sprechen zu lassen, passt der Verzicht auf den verbindenden Reim und einen festen Vers-Takt, der die Wortwahl und -folge einengt.

Doch Wondratschek hat auch eine Reihe von Gedichten in Reimen verfasst, sogar einige in der klassisch strengen Form des Sonetts (Strophen mit 4 – 4 – 3 – 3 Versen)

AM QUAI VON SIRACUSA *)

Die Möwen lassen sich durch Winde fallen,
die Schiffe liegen wie auf Grund.
Das Meer steht still zu dieser Stund,
der dunkelsten von allen.

Kein Gast bewohnt im Grand-Hotel die Räume.
Verlassen stehn die Kaufmannshäuser da.
Hier ist die Schönheit ganz dem Ende nah
und ohne Trost selbst deine Träume.

Den Löwen sitzt schon Moder im Gebiß.
Katzen gebären in leeren Palästen. Und
durch das Lächeln der Madonna geht ein Riß.

Eroberer sind hier an Land gegangen.
Die Fischer halten ihren Fang. Die Stadt,
Vergangenheiten überhangen, von Anfang an.

*) Die antike Hafenstadt Syrakus an der Ostküste Siziliens

In das mit seinen gesellschafts- und kulturpolitischen Folgen bis heute fortwirkende Jahr 1968 brachte Wondratschek schon frühe Erfolge mit. In eben diesem Jahr erhielt er, erst 25jährig, einen renommierten deutschen Literaturpreis.

Dennoch, wer sich in der populären Musik der seitherigen Jahre nicht gut auskennt, hat vielleicht nie von Wondratschek gehört. Andere sind seit Jahrzehnten von ihm begeistert. Auch wer ihn nicht verehrt, aber gern über die variablen Fähigkeiten unserer Sprache staunt, wird die Beschäftigung mit seinen Texten reizvoll finden.

Etliche von ihnen sind auch heute im Buchhandel zu finden. Die „Kelly-Briefe“ von 1998 gehören zu seinen bekanntesten Prosa-Texten.

Chuck's Zimmer Kelly-Briefe
9,50 Euro 9,50 Euro

Der Abschied – Thema von Wondratscheks Gedicht. Er hat ihm eine originelle bildliche und sprachlich kraftvolle Gestalt gegeben. Aber als Motiv der Lyrik hat nicht er ihn entdeckt.

Im Gegenteil, W. steht hier in einer langen Tradition. Abschied ist eine menschliche Grunderfahrung, oft von bewegten Gefühlen begleitet und somit zum Gegenstand lyrischer Gedichte prädestiniert – wie Hoffnung, Glaube, Liebe, wie Naturerleben, Schmerz, Tod und Glücksgefühl.

“’Weggehen’, das ist ’ein wenig sterben’“, sagen die Franzosen – partir, c’est mourir un peu. Aus der Sicht des Weggehenden oder der Zurückbleibenden? – In einem deutschen Tätigkeitswort sind Abschied und Tod nur eine Vorsilbe voneinander entfernt: Wer fortgeht, “scheidet“, wer stirbt, “verscheidet“. Die Nähe von “partir“ und “mourir“, die quasi zweifache Bedeutung unseres Wortes “scheiden“ nutzt Paul Gerhardt, (1607-76, Autor des Gedichts des Monats Juli 2009) in seinem Kirchenliedtext „O Haupt voll Blut und Wunden, …“ auf ergreifende Weise. Der Sprechende denkt an seine eigene Todesstunde, an sein “Scheiden“, und bittet den gekreuzigten Christus, ihn dann nicht zu verlassen, nicht von ihm zu scheiden:

Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir;
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

“Das Absolute ist eine Sache von Sekunden“, so Wondratschek im Gedicht. Weiß ich, dass ich für immer von jemandem fortgehe, so weiß ich, dass ich für diese Person aufhöre zu sein und dass sie, gleichzeitig, aus meinem Leben scheidet.

Eine solche Situation führt uns Rainer Maria Rilke (1875-1926; siehe Gedicht des Monats Juli 2008) in den folgenden Versen vor Augen. Von einem Wiedersehen oder der Hoffnung darauf ist keine Rede:

ABSCHIED

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

 Rilke: 50 Gedichte
Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes -, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Situation und bildliche Anschauung sind in diesem und in Wondratscheks Gedicht durchaus vergleichbar, nicht jedoch der Satzbau.

Unwiderruflichkeit eines Abschieds und damit verbundener Schmerz sprechen auch aus einem Gedicht Wilhelm Buschs (1832-1908), den das HDS sonst eher als heiteren Dichter kennt (siehe Gedichts des Monats September 2008):

Du willst sie nie und nie mehr wiedersehen?
Besinne dich, mein Herz, noch ist es Zeit.
Sie war so lieb. Verzeih, was auch geschehen.
Sonst nimmt dich wohl beim Wort die Ewigkeit
und zwingt dich mit Gewalt zum Weitergehen
ins öde Reich der Allvergessenheit.
Du rufst und rufst; vergebens sind die Worte;
Ins feste Schloss dumpf dröhnend schlägt die Pforte.

Zwei Passagen aus Dramen des Weimarer Duos Goethe (1749-1832) und Schiller (1759-1805) gehören zu den “Klassikern“ der deutschsprachigen Abschiedslyrik. (Zu dem Opern-Arien ähnelnden Charakter von “Gedichten“ innerhalb von Bühnenschauspielen vgl. Gedicht des Monats März 2009).

Wer scheidet von wem? Die Frage wird in Goethes Fragment gebliebenem Festspiel “Pandora“ zwar gestellt, ist aber von vornherein beantwortet. Epimetheus spricht:

Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist,
Fliehe mit abegewendetem Blick!
Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist,
Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück.

Frage dich nicht in der Nähe der Süßen:
Scheidet sie? Scheid ich? Ein grimmiger Schmerz
Fasset im Krampf dich, du liegst ihr zu Füßen,
Und die Verzweiflung zerreißt dir das Herz.

Kannst du dann weinen und siehst sie durch Tränen,
Fernende Tränen, als wäre sie fern:
Bleib! Noch ist´s möglich! Der Liebe, dem Sehnen
Neigt sich der Nacht unbeweglichster Stern.

Fasse sie wieder! Empfindet selbander
Euer Besitzen und euren Verlust!
Schlägt nicht ein Wetterstrahl euch auseinander,
Inniger dränget sich Brust nur an Brust.

Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist,
Fliehe mit abegewendetem Blick!
Wie er, sie schauend, im Tiefsten entflammt ist,
Zieht sie, ach! reißt sie ihn ewig zurück!

In seiner von Schiller selbst so genannten ’romantischen Tragödie’ „Die Jungfrau von Orleans“ (Uraufführung 1801) verabschiedet sich die Titelheldin Johanna, das junge Mädchen vom Lande, aus ihrer heimatlich-ländlichen Idylle, um sich – Gottes Auftrag folgend – an die Spitze der französischen Kampftruppen gegen England zu setzen (im sogenannten Hundertjährigen Krieg von 1337 bis 1453):

Lebt wohl, ihr Berge Ihr Plätze
Johanna von Orléans
Johanna von Orleans
(Jeanne d’Arc; 1412-31)

Johanna sagt “Lebt wohl“ zu der ihr vertrauten Natur, ihrer Heimat, nicht aber zu einem Freund, zu einer geliebten (oder eben gerade nicht mehr geliebten) Person. Das ist nicht einzigartig. Vom Abschied aus einer Landschaft, von einer Stadt haben im Lauf der Jahrhunderte so manche Verse wehmütig gesungen.

Zu den bekanntesten Gedichten dieser Art gehören das berühmte Gedicht ABSCHIED von Joseph von Eichendorff (1788-1857).

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtger Aufenthalt.
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftge Welt;
Schlag noch einmal die Bogen,
Um mich, du grünes Zelt!Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!
Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Wards unaussprechlich klar.Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Wohl so bekannt wie der Text dieses Gedichts ist die Liedmelodie, die ihm Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-47) gegeben hat.

Weder der Dichter der folgenden Verse noch der Komponist, der sie zu einem weithin bekannten Lied gemacht hat, ist mit Sicherheit zu benennen, wohl aber als Entstehungszeit das 15. Jahrhundert.

Innsbruck, ich muß dich lassen,
Ich fahr dahin mein Straßen
Ins fremde Land dahin.
Mein Freud ist mir genummen
Die ich nit weiß bekummen
Wo ich im Elend *) bin.
Innsbruck heute

Innsbruck (heute)Groß Leid muss ich jetzt tragen,
Daß ich allein tu klagen
Dem liebsten Buhlen **) mein.
Ach Lieb, nun lass mich Armen
Im Herzen dein erbarmen,
Daß ich muß von dannen sein. Mein Trost ob allen Weiben!
Dein tu ich ewig bleiben,
Stet, treu, der Ehren frumm.
Nun muß dich Gott bewahren,
In aller Tugend sparen ***)
Bis daß ich wiederkumm.

*) Ausland
**) Geliebter
***) (fest)halten

 

Nur die schöne Stadt, die herrliche Natur? Da war doch – möchte man vermuten – sicher mehr. Das Innsbruck-Gedicht hält nicht allzu lang hinter dem Berge damit. Aber erst im letzten Vers des folgenden Gedichts rückt der schwäbische Dichter Ludwig Uhland (1787-1862) damit heraus:

ABREISE

So hab’ ich nun die Stadt verlassen,
Wo ich gelebet lange Zeit;
Ich ziehe rüstig meiner Straßen,
Es gibt mir niemand das Geleit.
Man hat mir nicht den Rock zerrissen,
Es wär’ auch schade für das Kleid!
Noch in die Wange mich gebissen
Vor übergroßem Herzeleid.

Auch keinem hat’s den Schlaf vertrieben,
Daß ich am Morgen weitergeh’;
Sie konnten’s halten nach Belieben,
Von e i n e r  aber tut mir’s weh.

Sind sich die Beteiligten einig, dass es auf undramatische Weise vorbei ist mit ihrer Liebe, dann liegt der Wunsch nahe, die Trennung “vernünftig abzuwickeln“. Der sonst so leichtherzige Joachim Ringelnatz (1883-1934; siehe Gedicht des Monats Mai 2009) stellt diesen Wunsch seinem ernsten Abschiedsgedicht voran.

Reich mir die Hand. Wir wollen froh
Und lachend voneinander gehen.

Wir würden uns vielleicht nach Jahren
Nicht mehr so gut wie heut verstehn.
So laß uns bis auf Wiedersehn
Ein reines, treues Bild bewahren.
Du wirst in meiner Seele lesen
Wie mich ergreift dies harte Wort.
Doch unsre Freundschaft dauert fort.
Und ist kein leerer Traum gewesen,
Aus dem wir einst getäuscht erwachen.
Nun weine nicht; wir wollen froh
Noch einmal miteinander lachen. –
Es ist besser so.

Der Romantiker Ludwig Tieck (1773-1853) spricht eher grundsätzlich, also nicht auf eine konkrete Einzelsituation bezogen, über den vorgezeichneten Wechsel von Abschied und Wiedersehen:

Ludwig Tieck

ABSCHIED

Was ist das Leben? Kommen nur und Schwinden,
Ein Wechsel nur von Nacht und Tageshelle,
Verlust und Schmerz, Sehnsucht und Wiederfinden,
So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, –
Drum lächelt hoffend in der Trennung Wehen
Durch Abschiedstränen schon das Wiedersehen.

Ein berühmtes Gedicht Goethes stellt Willkommen und Abschied, in dieser Reihenfolge, eng nebeneinander, ja lässt beides ineinander übergehen.

In einem konkreten Fall will Heinrich Heine (1707-1856; siehe Gedicht des Monats Juni 2008) nicht so recht an die Endgültigkeit des Abschieds glauben:

Der Brief, den du geschrieben,
Er macht mich gar nicht bang;
Du willst mich nicht mehr lieben,
Aber dein Brief ist lang.

Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.

Wie für uns, die Zeitgenossinnen und -genossen Wondratscheks, der Flughafen ein typischer Ort des Abschiednehmens ist, so war das für unsere Vorfahren der See-Hafen. Die “große Fahrt“ zu fernen Kontinenten und zurück dauerte in der Regel viele Monate, und eine heile Wiederkehr war keineswegs sicher: Schiffbruch, Seeräuber, Krankheit und exotische Schönheiten an fernen Gestaden. Im Amsterdamer „haven“ winkten und weinten die Frauen und Bräute der Matrosen beim Auslaufen der Schiffe vom (heute noch zu besichtigenden) “Schreierstoren“ (dem “Turm der Weinenden“, deutsch meist falsch “Schreiersturm“ genannt). – Der Hafen hat sich über die Jahrhunderte mit dem Abschied, freilich auch mit der Wiederkehr und Ankunft (“ein Schiff wird kommen“), zu einem Motiv-Paar in unserer Bilderwelt vereint und so auch immer wieder einen Platz in der europäischen Literatur gefunden. Schreier's Turm in Amsterdam
Schreierstoren, Amsterdam

Eines der bekanntesten Volkslieder zum Thema “Abschied“ stammt von einem namenlosen
schwäbischen Dichter. Die Melodie ist von Friedrich Silcher (1798-1860) und so zeitlos, dass sie noch im 20. Jahrhundert zum Erfolgsschlager taugte (Elvis Presley; siehe Gedicht des Monats November 2008):

Muss i denn, muss i denn
Zum Städtele ’naus, Städtele ’naus,
Und du, mein Schatz, bleibst hier.
Wenn i komm, wenn i komm,
Wenn i wiedrum komm,
Kehr i ein, mein Schatz, bei dir.
Kann i glei net allweil bei dir sein,
Han i doch mein Freud an dir!
Wenn i komm, wenn i komm,
Wenn i wiedrum komm,
Kehr i ein, mein Schatz, bei dir.

Keine Volks-, sondern Kunstdichtung und sehr wahrscheinlich auf die politische Situation in den deutschen Ländern der Jahre zwischen dem Wiener Kongress (1815) und dem “Revolutionsjahr“ 1848 gemünzt, sind die folgenden Verse August Heinrich Hoffmanns (“von Fallersleben“, 1798-1874). Der für den “Jäger“ der staatlichen Repression nicht verwundbare “Kuckuck“ war damals bekanntes Symbol der erhofften politischen Freiheit, und “Winter“ war das Wort für den ungeliebten status quo. Den meisten von uns sind die Verse heute als harmloses Kinderlied bekannt:

Winter, ade !
Scheiden tut weh.
Aber dein scheiden macht,
daß mir das Herze lacht,
Winter, ade !
Scheiden tut weh.
Winter, ade !
Scheiden tut weh.
Gerne vergeß ich dein,
kannst immer ferne sein.
Winter, ade !
Scheiden tut weh.
Winter, ade !
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
lacht dich der Kuckuck aus.
Winter, ade !
Scheiden tut weh.

Hier verbinden sich raffiniert politische “Geheimsprache“ und Sinn für volkstümliche Eingängigkeit. Auf jeden Fall: einmal Frohes, wenigstens Hoffnungsvolles zum Stichwort “scheiden“.

Immer wieder taucht das Motiv Abschied auch “unterhalb“ der hohen literarischen Ebene auf, im 20.Jahrhundert zum Beispiel in allerlei Schlagertexten: “Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleib nicht so lange fort …“; “Arrivederci Roma …“ und so fort.

Als passendes Abschiedswort empfehlen Harry Hilm und Hans Lengsfelder in ihren von Peter Kreuder (1905-81) vertonten Versen:

Sag beim Abschied leise “Servus”
Nicht “Lebwohl” und nicht “Adieu”.
Diese Worte tun nur weh!
Doch das kleine Wörterl “Servus”
Ist ein lieber letzter Gruß,
Wenn man Abschied nehmen muß.

Schlichter, aber auch nach 80 Jahren noch nicht ganz vergessen, ist der Schlagertext (1929) von Arthur Rebner:

Wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht
Wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht?
Man sagt: Auf Wiedersehn und denkt beim Glase Wein:
Na schließlich wird der andre auch ganz reizend sein.

Wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht
Wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht?
Man sagt: Auf Wiedersehen und denkt sich heimlich bloß:
Na endlich bin ich wieder ein Verhältnis los

Madame Butterfly Scherz beiseite! 1904 wurde Giacomo Puccinis große Oper des Abschieds, “Madame Butterfly“, in Mailand uraufgeführt und 1989 in London das später am Broadway erfolgreiche Musical „Miss Saigon“ von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg. Beide Werke gehen in ihrem Grundgeschehen, der tragischen, erzwungenen Trennung einer asiatischen Frau und eines amerikanischen Soldaten, auf dieselbe Novelle aus dem 19. Jhdt. zurück.

Auch unser neues Jahrhundert wird sich das Thema “Abschied“ nicht entgehen lassen.