Gedicht des Monats August 2009

Ungeduld

Ich schnitt es gern in alle Rinden ein,
Ich grüb es gern in jeden Kieselstein,
Ich möcht es sä′n auf jedes frische Beet
Mit Kressensamen, der es schnell verrät,
Auf jeden weißen Zettel möcht ich′s schreiben:
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben.

Ich möcht mir ziehen einen jungen Star,
Bis daß er spräch die Worte rein und klar,
Bis er sie spräch mit meines Mundes Klang,
Mit meines Herzens vollem, heißem Drang;
Dann säng er hell durch ihre Fensterscheiben:
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben.

Den Morgenwinden möcht ich′s hauchen ein,
Ich möcht es säuseln durch den regen Hain;
Oh, leuchtet′ es aus jedem Blumenstern!
Trüg es der Duft zu ihr von nah und fern!
Ihr Wogen, könnt ihr nichts als Räder treiben?
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben.

Ich meint, es müßt in meinen Augen stehn,
Auf meinen Wangen müßt man′s brennen sehn,
Zu lesen wär′s auf meinem stummen Mund,
Ein jeder Atemzug gäb′s laut ihr kund,
Und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben:
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben.

Da bleibt kein Zweifel: IHR gehört SEIN Herz, und zwar längerfristig (auf Verliebtendeutsch: “ewig“). Schade nur, der Dichter zählt zwar, brilliant reimend, alle erdenklichen Datenträger auf, nutzt sie aber offenbar nicht. Kein Wunder also, dass die Botschaft bei IHR nicht ankommt.

Wilhelm Müller (1794-1827), der Verfasser unseres Gedichts des Monats, war ein patriotisch gesinnter junger Mann in den Jahren des Befreiungskampfes gegen die napoleonische Besatzung.  Er wäre heute wohl ganz vergessen, hätte er uns nicht auch weniger verspielte Verse hinterlassen. Er schrieb z.B. die traurig-schöne Ballade vom Glockenguss zu Breslau. Franz Schubert hat für zwei Dutzend von Müllers Gedichten Melodien komponiert und so einige von ihnen lebendig erhalten. Berühmt ist Müllers “Am Brunnen vor dem Tore“ in der Vertonung Friedrich Silchers (1789-1866). Auch hier macht der Dichter kein Hehl aus seiner Neigung zu den Taschenmesser-Graffiti: Wilhelm Müller
Wilhelm Müller

Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum
Ich träumt in seinem Schatten
So manchen süßen Traum

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebes Wort
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort […]

Müllers Lust am multimedialen Liebesschwur hat, ein rundes Jahrhundert später, den Münchner Kabarettisten, Kritiker und Freiherrn Hanns von Gumpenberg (1866 bis 1928) zu einer spöttischen Nachdichtung von “Ungeduld“ gereizt:

Ich ritzt es gern in alle Rüben ein,
Ich stampft es gern in jeden Pflasterstein,
Ich biß es gern in jeden Apfel rot,
Und strich es gern auf jedes Butterbrot,
Auf Wand, Tisch, Boden, Fenster möcht ichs schreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben !

Ich schör es gern in jede Taxusheck,
Graviert es gern in jedes Eßbesteck,
Ich sät es gern als lecker grüne Saat
Ins Gartenbeet mit Kohlkopf und Salat,
In alle Marzipane möchte ichs drücken
Und spicken gern in alle Hasenrücken
Und zuckerzäh auf alle Torten treiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben !
[und weitere zehn Verse dieser Art ..]

 

(herz)lich-willkommen

 

Doch Gumpenbergs Veräppelung ist nicht der einzige Grund, warum sich das HDS dieses Mal für das Gedicht Wilhelm Müllers entschieden hat. Es ist auch ein Beispiel für das vielleicht meist gebrauchte Bild in der deutschsprachigen Gefühlslyrik – für das Herz.

In seinem „Traktat vom Herzen“ übertreibt der österreichische Schriftsteller und Satiriker Alfred Polgar (1873-1955) ein wenig: “’Herz’ ist gewiß das Hauptwort, das der erwachsene zivilisierte Mensch, sei sein Vokabelschatz groß oder klein, am öftesten gebraucht. Und stünde dieses eine Wort unter Sperre: neun Zehntel aller Lyrik wäre nicht.“

Unsere Alltagssprache kennt viele Redensarten und Bilder, in denen das Herz vorkommt. Wir alle, ob groß-. warm-, hoch- oder hartherzig, haben etwas auf dem Herzen Herzlos ist nicht das Gegenteil von herzhaft oder beherzt. Manches tun wir halbherzig, bei anderem sind wir mit Herz und Seele dabei, lassen gar unser Herzblut hineinfließen. Was ist der Unterschied zwischen herzig und herzlich? Auf die Erfüllung unserer Herzenswünsche hoffen wir mit ganzem Herzen. Das Wohl der Mitmenschen ist uns eine Herzensangelegenheit, wenn wir das Herz auf dem rechten Fleck haben. Das Herzklopfen kann emotionale Gründe haben (wenn z.B. der Herzallerliebste herzerbarmend kaltherzig bleibt). Dann möchten wir unser Herz ausschütten. Es kann aber auch medizinische.Gründe haben. Dann hilft vielleicht ein Herzschrittmacher. Schwierig wird’s  bei einer Herztransplantation. Denn wer ist schon bereit, die Herzensanliegen des Vorbesitzers zu beherzigen?

Herz, anatomisch Meyers Großes Taschenlexikon

Da darf auch die deutsche Nationalhymne nicht herzlos sein:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand! […]

Nur am Rande: Singen das die erfolgreichen Deutschen
Fußballerinnen vor dem Länderspiel, ohne zu murren?
Die Frage gilt nicht der „Hand“, sondern dem „brüderlich“.
Aber gut, wenn frau schon in der National“mann“schaft spielt …
Die Amerikaner haben in ihrer Hymne zwar weder “Herz“ noch “Hand“,
dafür legen sie die Hand aufs Herz, wenn sie ihre Hymne hören.

Zufall? In den ersten Jahren nach 1945 gab es in Deutschland keine Nationalhymne. Bei feierlichen Anlässen sang man im Westen die Verse des Theologen und turnväterlichen Patrioten Hans Ferdinand Maßmann (1797-1874). Auch da stehen Herz und Hand als Bild für die Hingabe:

Ich hab mich ergeben
Mit Herz und mit Hand,
Dir Land voll Lieb und Leben,
Mein deutsches Vaterland!

I (Herz) BerlinTief in die kommerzielle Banalität sind das Herz und das abgeglitten, wofür es so oft sprachbildlich steht: lieben oder Liebe. Die/der Erste, die/der in der Werbung ein rotes Herzchen gemalt hat, statt zu buchstabieren “liebe“, “love“, “aime“, “amo“, oder wie das anderswo heißen mag, war originell. Aber inzwischen mag man es kaum noch sehen. Zum Glück kannten weder Wilhelm Müller noch Hanns von Gumpenberg T-Shirts, Kaffee-Becher, Neon-Röhren oder das Tätowieren. Ihre Gedichte wären schier endlos geworden.

Doch zurück zu den Gedichten, zu denen mit Herz – im Titel oder im Text. Davon gibt es allein im deutschsprachigen Raum und über die Jahrhunderte derart viele, dass kein Mensch sie zählen mag.

hjerte – smerte   (dänisch, norwegisch)

coeur – douleur   (französisch)

hjärta – smärta   (schwedisch)

heart – to smart   (englisch)

cuore – dolore   (italienisch)Geradezu sprichwörtlich geworden ist der Reiz, im Gedicht Herz und Schmerz aufeinander zu reimen. Ja, das kann nerven, und der Dichter setzt sich dem Verdacht aus, seine Aussage folge dem Reim und nicht umgekehrt. Oder er verwandle ohne eigene Leistung einfach eine Steilvorlage unserer Sprache. Doch was kann er dafür, dass sich Herz, im Sinne von tiefem Empfinden, nun mal auf Schmerz reimt? Ein paar anderen Sprachen in unserer Nachbarschaft ergeht’s ähnlich. Auch der Niederländerin hüpft het hart vor Freude, und ihr Kummer ist ihr smart.

Dem Dichter Peter Rühmkorf (1929-2008) wird das verdammende Urteil zugeschrieben: “Der Erste, der Herz auf Schmerz gereimt hat, war ein Genie, der Zweite ein Idiot.” Am Ende stimmt aber vielleicht beides nicht?

Manch ein Dichter spricht “AUS vollem Herzen“. Manch anderer spricht ZU seinem Herzen, als sei es ein zweites Ich, ein fremdes Wesen fast, das eigene Launen hat, eigene Wege geht. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) zum Beispiel:

Neue Liebe, neues Leben

Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes, neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
weg, warum du dich betrübtest,
weg dein Fleiß und deine Ruh’
ach, wie kamst du nur dazu!

Fesselt dich die Jugendblüte,
diese liebliche Gestalt,
diese Blick voll Treu’ und Güte
mit unendlicher Gewalt? Will ich rasch mich ihr entziehen,
mich ermannen, ihr entfliehen,
führet mich im Augenblick,
ach, mein Weg zu ihr zurück.

Und an diesem Zauberfädchen,
das sich nicht zerreißen läßt,
hält das liebe, lose Mädchen
mich so wider Willen fest:
muß in ihrem Zauberkreise
leben nun auf ihre Weise.
Die Verändrung, ach wie groß!
Liebe! Liebe! laß mich los!

Als sei es ein trauriges Kind, tröstet Heinrich Heine (1797-1856) sein Herz:

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen,
Und ertrage dein Geschick,
Neuer Frühling gibt zurück,
Was der Winter dir genommen.
Und wie viel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Welt!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!

Im Juli-Gedicht des HDS ermuntert auch Paul Gerhardt sich selbst, indem er sein Herz anspricht: “Geh aus, mein Herz, und suche Freud …“.

In ruhiger Erwägung findet der Schweizer Dichter Gottfried Keller (1819-90) für das Bild “Herz“ gleich noch eine Art Überbild, gar ein hörbares: die edle Violine.

Gottfried Keller Geübtes Herz

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
Weil es schon so viel geliebet!
Einer Geige gleicht es, die geübet
Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Und je länger er darauf gespielt,
Stieg ihr Wert zum höchsten Preise;
Denn sie tönt mit sichrer Kraft die Weise,
Die ein Kundiger ihren Saiten stiehlt.

Also spielte manche Meisterin
In mein Herz die rechte Seele,
Nun ist’s wert, daß man es dir empfehle,
Lasse nicht den köstlichen Gewinn!

Der Dichter der folgenden Verse ist der 1887 im schlesischen Hirschberg, dem heutigen Jelenia Góra, geborene und schon 1912 in Berlin gestorbene Georg Heym. Ist das Gedicht allein eine besorgte Liebeserklärung an sein eigenes Herz? Oder ist “mein Herz” in der letzten Strophe plötzlich doch der bildliche Ausdruck für “Geliebte”. Ist beides ein und dasselbe? Das bleibt faszinierend rätselhaft.

An mein Herz…

An mein Herz! Auf daß es ruhig werde.
Daß es lerne, wieder ruhig schlagen.
Ruhlos ward’s, ein Schiff, das Stürme jagen,
Nacht und Tag umwandert es die Erde.

Durch die Straßen werde ich getrieben,
Von der Leidenschaften Mörderkräften
Aufgejagt, es kreist in meinen Säften
Wie ein Gift, dich bitterlich zu lieben.

Ein Ahasver*, der dem Tod nachrennet
Wie ein Pfeil, such ich nach deinem Kleide.
Ach, wo bist du, Herz ! Wo ist die Weide
Meiner Labsal, eh mein Geist verbrennet.

An mein Herz ! Ich kann an nichts mehr denken,
Als an dich, daß ich dich bald umarme,
Wie ein Blitz, der aus dem Wolkenschwarme
Blendend fällt, ins Meer sich zu versenken.

Georg Heym

Georg Heym (1887 bis 1912)

 * der “Ewige Jude”, der (so die Legende) rastlos wandern muss, weil er Christus auf dem Kreuzweg eine Rast verweigert haben soll

»Gott nur siehet das Herz.« – Drum eben, weil Gott nur das Herz sieht,
sorge, daß wir doch auch etwas Erträgliches sehn.

Friedrich Schiller, 1759-1805

Und immer, geradezu unvermeidlich, geht es um den Wettstreit “Herz und Hirn“. Dazu Anastasius Grün (1806-1876), ein liberaler österreichischer Dichter mit dem “bürgerlichen“ Namen Anton Alexander Graf von Auersperg:

In Einer Mutter Sprossen,
Gefährten Eines Seins,
Desselben Heims Genossen,
Ei, werdet ihr nie Eins?

Du Kopf, der von den Zinnen
Die Wacht und Umschau hält,
Du Herz, dem traulich innen
Ein Stüblein warm bestellt?

Es spinnt im obern Raume
Der Grübler und Prophet,
Und unten singt im Traume
Der Schwärmer und Poet.

Dem unten wird’s zu enge,
Gern sprengt’ er Deck’ und Wand,
Ein Stern im Lichtgedränge
Hält seinen Blick gebannt.

Er kann das Aug’ nicht wenden
Von diesem Einen Stern,
Er langte mit den Händen
Zu sich den hellen gern. Der oben sieht die Zeichen
Und mahnt mit strengem Sinn:
»Was nie du kannst erreichen,
Du Tor, laß fahren hin!«

Der Spruch sei hoch zu loben,
Das Bürschlein unten schwor,
Sein Blick doch blieb erhoben
Zum Sternlein nach wie vor.

Das nimmt der Pred’ger übel
Und gießt herab im Groll
Auf jenen einen Kübel
Der derbsten Weisheit voll.

Der unten scheut die Lauge
Und duckt den Lockenschopf,
Den Stern doch fest im Auge;
Das Herz hat seinen Kopf.

Der oben muß verzagen;
Er teilt wohl gar den Schmerz?
Mir ist, ich hör ihn sagen:
Der Kopf hat auch ein Herz.

Wird jemand dem Dichter diesen geradezu zwingenden Schmerz-Herz-Reim in der letzten Strophe als “Idiotie“ ankreiden wollen?

Abermals beschließe Theodor Storm (1817-1888) die Betrachtungen des HDS zu seinem “Gedicht des Monats“. Auch zum Thema “Herz“ lässt uns der Norddeutsche nicht im Stich:

DIE MÖWE UND MEIN HERZ

Hin gen Norden zieht die Möwe,
Hin gen Norden zieht mein Herz;
Fliegen beide aus mitsammen,
Fliegen beide heimatwärts.
Ruhig, Herz! du bist zur Stelle;
Flogst gar rasch die weite Bahn –
Und die Möwe schwebt noch rudernd
Überm weiten Ozean.