Gedicht des Monats September 2010

"Gode Nacht"
– “å“ in Vers 1 und 2 soll sagen: die Aussprache schwebt zwischen a und offenem o.    
Das “St“ in “Stråten“ ist wie “S-t“ zu s-prechen)    
um un bi: um (dich), bei (dir)    
Däken: Dächer 

Theodor Storm (1817-88), der Autor dieser plattdeutschen Verse, ist schon mehrfach im HDS aufgetreten (siehe VI, VII, VIII, X 2009 oder V 2010), bisher aber immer mit hochdeutschen Gedichten.

Theodor Storm

Er bekannte sich gern zu seiner schleswig-holsteinischen Heimat und zu seinem Geburtsort Husum (“Am grauen Strand, am grauen Meer / Und seitab liegt die Stadt …“). Die dort gesprochene Mundart, das Nieder- oder Plattdeutsche, hat er mit seinen Landsleuten im Alltag sicher oft gesprochen, in seiner Dichtung jedoch selten gebraucht. Er wollte ein Dichter für den ganzen deutschsprachigen Raum sein – und war es auch.

Und das, obwohl Storms Heimat damals zum Königreich Dänemark gehörte, Storm also als dänischer Staatsbürger geboren ist. Er beherrschte das Dänische wie das Deutsche als Muttersprache.

“Niederdeutsch“ oder “Plattdeutsch“ (“Plattdüütsch“) unterscheidet sich, wie alle Mundarten, vom Hochdeutschen durch viele eigene Wörter und, soweit man doch dieselben Wörter gebraucht, durch deren oft andersartige Aussprache. Verglichen damit, sind die grammatischen Strukturen und der Satzbau in den deutschen Dialekten eher einheitlich. Doch schon die Unterschiede im Wortschatz und in der Aussprache können zu erheblichen Verständigungsschwierigkeiten führen.

Schwierig ist oft auch die lautgerechte Wiedergabe der Dialekte im Schriftlichen. Nicht alle Besonderheiten der mundartlichen Aussprache lassen sich mit den Mitteln des deutschen Standard-Alphabets genau abbilden (siehe z.B. oben die Hilfskonstruktion mit “å“). Das führt  dazu, dass manche der Dialekt-Texte in ihrer Schreibung schwanken, zumal wenn sie zunächst nur mündlich überliefert und erst später “verschriftlicht“ wurden. Das gilt auch für die beiden letzten der hier wiedergegebenen Gedichte.

Das Nieder- oder Plattdeutsche unterscheidet sich vom Hochdeutschen leicht erkennbar in einem Punkt: Es hat sich der sogenannten “zweiten“ oder “hochdeutschen Lautverschiebung“ bei den Konsonanten (den Mitlauten) entzogen. Damals, etwa um die Mitte des ersten nach-christlichen Jahrtausends, gaben – grob gesprochen – das mittlere und das südliche Drittel des deutschen Sprachraums z.B. so manches “t“ oder “d“ zugunsten eines s-Lautes auf: Aus “dat“ wurde “das“, aus “strat“ (unser Gedicht) wurde mittel- und oberdeutsch “strasse“. Aus anderen “d“s wurden “t“s, wie in einem Gedicht weiter unten aus “moder“ “mutter“. Und was einmal “p“ war, wurde durch diese Lautverschiebung oft zum “f“-Laut: “slapen“ zu “schlafen“, “kloppen“ (siehe im Gedicht weiter unten) zu “klopfen“. Manches “k“ wurde zu (rauhem oder weichem) “ch“: “spraak“ zu “Sprache“, “spräken“ zu „sprechen“ (Storms Gedicht). – Die Unterschiede bei den Vokalen (auch sie sind bedeutend) lassen sich weniger leicht systematisch darstellen.

Dieser Lautverschiebung der Konsonanten hat sich, wie gesagt, das Niederdeutsche widersetzt, wie übrigens auch das Niederländische (“appel“ statt “Apfel“, “doen“ statt “tun“, “rijk“ statt “Reich“) und das Englische (“that“ statt “das“, “better“ statt “besser“, “sleep“ statt “schlafen“, “ladder“ statt „Leiter“, “pound“ statt “Pfund“). Das lässt diese beiden Sprachen als Sonderausformungen des Niederdeutschen erkennen.

Genug der Theorie, aber noch ein wenig Erdkunde: Der nieder- oder plattdeutsche Sprachraum erstreckt sich, heute, vom Nordosten der Niederlande ostwärts bis an den Unterlauf der Oder bei Stettin. Bis 1945 gehörten dazu noch ein langer Streifen entlang der Ostseeküste (Pommern) und das ganze Ostpreußen, heute polnisches, russisches und zu einem kleinen Teil auch litauisches Gebiet. Der nördlichste Punkt liegt etwa bei Flensburg, und im Süden verläuft die Grenze zum Mitteldeutschen entlang der sogenannten (Düsseldorf-)“Benrather Linie“, die sich – natürlich nicht wie mit dem Lineal gezogen – vom Niederrhein nach Osten (siehe oben) erstreckt. Man spricht auch von der „maken-machen-Grenze“.

Niederdeutscher Sprachraum

Selbstverständlich gibt es innerhalb eines derart großen Raumes eine ganze Reihe unterschiedlicher Ausprägungen des Plattdeutschen.

Zurück zum Gedicht des Monats. Theodor Storm hat, wie gesagt, nur wenige mundartliche Gedichte geschrieben. Eines von ihnen baut uns die Brücke zu einem wichtigen anderen niederdeutschen Dichter:

AN KLAUS GROTH
Wenn’t Abend ward,
Un still de Welt un stll dat Hart;
Wenn möd upt Knee di liggt *) de Hand,
Un ut din Husklock an de Wand
Du hörst den Parpendikelslag,
De nich to Woort keem över Dag;
Wenn’t Schummern in de Ecken liggt,
Un buten **) all de Nachtschwulk flüggt;
Wenn denn noch eenmal kiekt de Sünn
Mit golden Schiin to’t Fenster rin,
Un, ehr de Slap kümmt un de Nacht,
Noch eenmal allens lävt und lacht, –
Dat is so wat vör’t Minschenhart,
Wenn’t Abend ward.
*) dir liegt  
**) draußen (niederländ. “buiten“) 

Klaus GrothKlaus Groth (1819-99) war ein Zeitgenosse Storms. Er kam aus Heide in Holstein, um die 50 Kilometer südlich der Storm-Stadt Husum. In der zunächst eingeschlagenen Lehrer-Laufbahn kam er wegen seiner schlechten Gesundheit nicht recht voran. Er wandte sich der Dichtung und Sprache zu. Hier kam er bald zu akademischen Ehren und Stellungen.

Sein Hauptanliegen war, das Plattdeutsche zu einer vollanerkannten Literatursprache zu entwickeln. Zu diesem Zweck schuf er, neben einigen Prosawerken, eine große Zahl niederdeutscher Gedichte. Die meisten sind in zwei Auflagen der Sammlung “Quickborn“ (1853 und 71) zusammengefasst. Daneben wirkte er aktiv an der Schaffung einer niederdeutschen Grammatik mit. – Seine Leidenschaft in Versen:

MIN MODERSPRAK

Min Modersprak, wa klingst du schön!
Wa büst du mi vertrut!
Weer ok min Hart as Stahl un Steen,
du drevst den Stolt herut.

Du bögst min stiwe Nack so licht
as Moder mit ern Arm,
du fichelst 1) mi umt Angesicht –
un still is alle Larm.

Ik föhl mi as en lüttjet Kind,
de ganze Welt is weg.
Du pust mi as en Vaerjahrswind 2)
de kranke Boss torecht 3). Min Obbe folt 4) mi noch de Hann’
un seggt to mi: »Nu be!« 5)
Un »Vaderunser« fang ik an,
as ik wul fröher de. 6)

Un föhl so deep: dat ward verstan,
so sprickt dat Hart sik ut.
Un Rau 7) vunn Himmel weiht mi an,
un allns is wedder gut!

Min Modersprak, so slicht un recht,
du ole frame 8) Red!
Wenn blot en Mund »min Vader« seggt,
so klingt mi’t as en Bed. 9)

So herrli klingt mi keen Musik
un singt keen Nachdigal;
mi lopt je glik in Ogenblick
de hellen Thran hendal. 10)

 

1) streichelst
2) pustest – Frühjahrswind
3) Busen, Brust – zurecht [wie engl. to = zu]
4) Opa – faltet    5) bete   6) tat
7) Ruhe    8) fromme    9) Bitte
10) hinunter

Kann man sich ein innigeres Bekenntnis zur Muttersprache vorstellen? Kein Wunder also, dass Klaus Groth bis heute eine Art Leuchtturm für die sprachpatriotischen Verfechter des Plattdeutschen ist. Und deren gibt es viele. Sie wollen, wie die Friesen für das Friesische, bewiesen und anerkannt sehen, “worüm Platt ´n egen Spraak is“. Schon lang vor Storm und Groth gab es übrigens eine Menge amtlicher und journalistischer Texte in dieser Mundart, gar niederdeutsche Bibelübersetzungen (“för plattdütsch Lüd in ehr Muddersprak öwerdragen“).

Mehrmals in Groths Dichtung geht es um den Bruder Johann (“Jehann“), um die Erinnerung an die gemeinsame Kindheit und die Idylle der Jugendzeit, z.B. hier:

MIN JEHANN

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
Do weer de Welt so grot!
Wi seten op den Steen, Jehann,
Weest noch? bi Nawers Sot. 1)
An Heben seil de stille Maan, 2)
Wi segen, wa he leep, 3)
Un snacken, wa de Himmel hoch
Un wa de Sot wul deep.

Weest noch, wa still dat weer, Jehann?
Dar röhr 4) keen Blatt an Bom.
So is dat nu ni mehr, Jehann,
As höchstens noch in Drom. 5)
Och ne, wenn do de Scheper 6) sung
Alleen int wide Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.

Mitünner inne Schummerntid 7)
Denn ward mi so to Mot,
Denn löppt mi’t langs den Rügg so hitt,
As domals bi den Sot.
Denn dreih ik mi so hasti üm,
As weer ik nich alleen:
Doch allens, wat ik finn, Jehann,
Dat is – ik sta un ween.

1) an Nachbars Brunnen
2) am Himmel segelt – Mond
3) lief     4) rührte sich    5) im Traum 
6) Schäfer   7) Dämmerungszeit

Fritz ReuterEiner darf auf keinen Fall fehlen, wenn es um plattdeutsche Dichtung geht, und das ist Fritz Reuter. Er ist 1810 in dem Städtchen Stavenhagen geboren (jetzt “Reuterstadt Stavenhagen“). Das liegt etwa auf halbem Wege von Schwerin nach Stettin, also in Mecklenburg. Gestorben ist er 1874 im thüringischen Eisenach. Dort genoss er in seinen letzten Lebensjahren bürgerlichen Wohlstand und, inzwischen über den niederdeutschen Raum hinaus, hohes Ansehen als Vers- und Prosadichter. – Doch der Weg dahin war alles andere als geradlinig. Das in Rostock begonnene Jura-Studium führte ihn, auf dem Umweg über ein allzu geselliges und zugleich politisch bewegtes Burschenschaftsleben, nicht zu akademischen Würden, sondern zunächst einmal (wegen “Hochverrats“) von 1833 bis 1840 ins Gefängnis (“Ut mine Festungstid“, 1862). – Das anschließend wieder aufgenommene Studium scheiterte abermals an seinem ungezügelten Lebenswandel. Erst die Rückkehr ins Stavenhagener Elternhaus brachte Ruhe in sein Leben. Bald verdiente er seinen Lebensunterhalt als Lehrer, und er begann ernsthaft zu schreiben – in mecklenburgisch-vorpommerschem Platt.

"Ut de Franzosentid" Auszug aus "Ut de Franzosentid"

Die Titel seiner größeren Prosawerke sind auch außerhalb seiner niederdeutschen Heimat noch recht gut bekannt, doch die Texte sind nicht leicht zu lesen. Wer sich aber die Mühe macht, wird an dem wachen Blick für das Leben, auch für die Nöte der einfachen Menschen Freude haben und an der liebe- und humorvollen Erzählweise. – 1874 erschien noch Reuters „Urgeschicht’ von Meckelnborg“. – Leichter zugänglich als die Prosa-Texte sind einzelne seiner Gedichte. Das folgende zeigt seinen schmunzelnden Humor und zugleich seinen sozialen Gerechtigkeitssinn.

DE BLINNE SCHAUSTERJUNG

“Ach, Meister! Meister ! Ach, ick unglückselig
Wo geiht mi dit? Herr Je, du mein !    /Kind !
Ach, Meister! Ick bün stockenblind,
Ick kann ok nich en Spirken seihn ! 1)“
De Meister smit den Leisten weg,
Hei smit den Spannreim in de Eck
Un löppt nah sinen Jungen hen.
“Herr Gott doch, Jung ! Wo is di denn?“ –
“Ach, Meister! Meister! Kiken S’ hir !
Ick seih de Botter up’t Brod nich mihr !“
De Meister nimmt dat Botterbrod,
Bekikt dat nipp von vörn un hin’n.
“So slag doch Gott den Düwel dod !
Ick sülwst kann ok kein Botter fin’n.
Na, täuw !“ 2) Hei geiht tau de Fru Meistern
Un seggt tau ehr: “Wat makst du denn? /hen
Wo is hir Botter up dat Brod?
Dor slag doch Gott den Düwel dod !“
“Is dat nich gaud för so’n Jungen?
Ji sünd man all so’n Leckertungen 3);
Ji müggten Hus un Hof vertehren 4),
Un ick sall fingerdick upsmeren.
So geiht dat noch nich los? Prahl sacht !
De Botter gelt en Gröschner acht. 5)“
“Ih, Mutter, ward man nich glik bös,
Hest du denn nich en beten Käs?“
Un richtig ! Sei lett sick bedüden.
Un deiht den Jungen Käs’ upsniden.
De Meister bringt dat Botterbrod herin,
Giwwt dat den Jungen hen und fröggt,
Ob sick sin Blindheit nu hadd leggt
Un ob hei wedder seihen künn.
“Ja, Meister“, seggt de Jung ganz swipp, 6)
“Ja, Meister, ja! Ick seih so nipp 7),
As hadd ‘ck ‘ne Brill up mine Näs’,
Ick seih dat Brod all dörch den Käs“.
1) sehen  2) warte  3) -zungen
4) verzehren
5) kostet 1 Groschen 8 Pfennig
6) schnell  7) genau

Ein schlichter Witz in Versen will dieser Schwank aus dem Alltag der einfachen Leute sein:

DE KOPPWEIHDAG *)

“Gun Morgen, Herr Apteiker! Seggen S’
Wat is woll gaud för Koppweihdag?” /mal,
“Min Saehn, dat is de düllste Qual,
Dat is ‘ne niderträcht’ge Plag.
Na, sett di man en beten dal 1).
Du büst woll her ut Frugenmark?”
“Ja, Herr ! Ick dein 2) dor up den Hof.”
“Na, sünd de Koppweihdag’ denn stark?”
“Ja Herr! Sei maken’t gor tau groww.” 3)
“Na, denn kumm her un dauh
Mal irst din beiden Ogen tau. 4) –
Süh ! so is’t recht ! Nu rük 5) mal swinn
All, wat du kannst, in dese Buddel rin.” –
De Bengel deiht ok ganz genau,
Wat hei em heit: makt irst de Ogen tau
Un rükt recht düchtig ’rinner dunn.
Bautz! föll hei rügglings von den Staul
As hei nu wedder sick besunn,  /herun.
Seggt de Apteiker: “Sähn, nu segg:
Sünd dine Koppweihdag nu weg?” –
“Ih, Herr, von mi is nich de Frag,
uns’ Frölen 6) hett de Koppweihdag.”
*) Das Fritz-Reuter-Literaturmuseum in Stavenhagen
hat dem HDS freundlicherweise geholfen:
“Weihdag” bedeutet Weh, Schmerz.
1) hin  2) diene  3) grob
4) zu  5) riech
6) Fräulein (= Erzieherin des Gutes,
auf dem der Junge arbeitet) 

Schließlich das ostpreußische Platt. Das ist eine Variante des Niederdeutschen, die nach dem Ende des 2. Weltkrieges nur so lange als gesprochene Sprache weitergelebt hat, wie Danziger oder Königsberger sie in der DDR oder der Bundesrepublik Deutschland noch gebraucht haben, vereinzelt z.B. auch in Kanada, den USA, Neuseeland oder Australien. Die anhängliche Pflege dieser Mundart in Heimat- oder Kulturvereinen hat es – wie zu erwarten – nicht vermocht, sie in mundartlich fremder Umgebung über das Ende einer Generation hinaus am Leben zu erhalten. Wie auch? So teilt das Ostpreußische das politisch-historische Schicksal des Schlesischen, eines bedeutenden ost-mitteldeutschen Dialekts.

Immerhin ein berühmtes ostpreußisches Gedicht ist bis heute lebendig geblieben, allerdings in der hochdeutschen Übersetzung (von Herder, 1778). Wer kennte nicht das „Ännchen von Tharau“ und seine eingängige Vertonung durch Friedrich Silcher? Aber wer weiß noch, dass das Originalgedicht in ostpreußischem Platt verfasst war? Wer dieses Hochzeitsgedicht wirklich geschrieben hat, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Der Autor wird im “Kreis um Simon Dach“ (1605-59) vermutet. Dach, gebürtiger Königsberger, war ein Lyriker des Barocks. Tharau (heute Wladimirowo) ist ein kleiner Ort im nördlichen Ostpreußen, und das Ännchen (Taufschein: “Anke“) war die Tochter eines dortigen Pfarrers im 17. Jahrhundert. Im litauischen Klaipeda, dem früheren Memel, hat man ihr ein Denkmal gesetzt. Heute gibt es auch eine russische und eine litauische Übersetzung des Gedichts. Aber gesungen wird es hier wie dort in der Melodie Silchers.

Anke van Tharaw öß, de my geföllt,
Se öß mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt.
Anke van Tharaw heft wedder eer Hart
Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart.
Anke van Tharaw mihn Rihkdom, min Goet,
Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Bloet.
Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn,
Wy syn gesönnt by een anger tho stahn.
Krankheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn,
Sal unsrer Löwe Vernöttinge syn.
Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht,
Je mehr en Hagel on Regen anföcht.
So wardt de Löw’ ön onß mächtich on groht,
Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht.
Wördest du glihk een mahl van my getrennt,
Leewdest dar, wor öm dee Sönne kuhm kennt;
Eck wöll dy fälgen dörch Wölder, dörch Mär,
Dörch Yhß, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr.
Anke van Tharaw, mihn Licht, mihne Sönn,
Mihn Leven schluht öck ön dihnet henönn.
Anke von Tharau ist’s, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Anke von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet, in Lieb und in Schmerz.
Anke von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.
Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
Wir sind gesinnt beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
Je mehr ihn Hagel und Regen angreift:
So werd die Lieb in uns mächtig und groß,
Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Not.
Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt:
Ich will dir folgen, durch Wälder, durch Meer,
Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.
Anke von Tharau, mein’ Sonne, mein Schein,
Mein Leben schließ ich in deines hinein.

Ähnlich berühmt wie das “Ännchen“ ist eine andere (zwar namenlose, aber verführerisch beredte) niederdeutsche ’Deern’, vermutlich aus Schleswig-Holstein. Ein bis heute Unbekannter hat ihr diese geradezu nach Gitarrenbegleitung verlangenden Verse in den Mund gelegt:

Dat du mien Leewsten büst,
Dat du wull weest!
Kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht,
Segg, wo du heest. 1)
Kumm du um Middernacht.
Kumm du Klock een!
Vader slöpt, Moder slöpt,
Ik slaap alleen.

Klopp an de Kamerdör,
Faat an de Klink!
Vader meent, Moder meent,
Dat deit 2) de Wind.

1) Sag’ deinen Namen!
2) tut