Wörterimport, Wörterexport

Über die gegenseitige Bereicherung europäischer Sprachen.

Von Max Behland

Die Leiden der jungen Wörter

Sprachen verkümmern, wenn sie keine jungen Wörter aufnehmen – trotzdem sind zugewanderte nicht immer beliebt.

Von Max Behland

Auf die Frage nach der schönsten Sprache werden die meisten Menschen diejenige nennen, die sie von ihren Eltern gelernt haben. Schönheit und Nützlichkeit unterscheiden sich erheblich: Was nützt das anmutigste Idiom, wenn es nur wenige verstehen! Bei Deutsch sind das aber immerhin noch mehr als 100 Millionen.

Welche Sprache hat die meisten Wörter? Das Wörterbuch von Wahrig listet rund 250.000 Einträge auf. Oft hört man die nicht prüfbare Meinung, Deutsch habe etwa 500.000, Englisch dagegen mehr als 800.000 Wörter; bei anderer Zählung wird Deutsch mit nahezu einer Million eingeordnet. Zahlen wie diese kommen zustande, wenn man die im Deutschen nahezu unbegrenzt möglichen Zusammensetzungen als einzelne Wörter bewertet. In England und Nordamerika genießt fast jedes auch nur einmal benutzte fremde Wort sofort Asyl und hat gute Aussichten, nach kurzer Zeit zum nationalen Wortschatz gezählt zu werden.

Solche statistischen Spielchen führen zu keinen sinnvollen Ergebnissen. Die Zahl der Wörter sagt wenig über die “Qualität“ einer Sprache aus. Sie sagt erst recht kaum etwas über die Schönheit einer Sprache. Wann ist eine Sprache schön, und wer legt den Maßstab fest, an der Schönheit gemessen werden könnte?

Die Sprachwissenschaft stellt solche Wertmaßstäbe nicht auf; sie analysiert und beschreibt, sie verfährt meist deskriptiv und nur sehr selten normativ, stellt also keine Forderungen auf. Milde, fast mitleidig sehen deshalb die meisten Germanisten und Linguisten auf das Lamentieren der Vereine, Stiftungen und Gesellschaften herab, die antreten, um die Sprache vor Veränderungen zu “retten“.

Die meisten nationalen Sprachgemeinschaften entwickeln ein beträchtliches Überheblichkeitspotential, wenn es um die Vorzüge und die Schönheit einzelner Sprachen geht: Besonders dem intellektuellen Prekariat Nahestehende sehen gern auf die Anderssprechenden herab – im günstigsten Fall bedauernd, meist aber arrogant, abfällig, aggressiv: “Hundesprache!“

Viele Deutsche halten Italienisch für besonders klangvoll, melodischer als beispielsweise Russisch; wer mit einer romanischen Sprache aufgewachsen ist, empfindet Deutsch eher als unschön wegen seiner Gaumen- und Zischlaute – wie ach, ich und -isch. Manche Deutsche mögen Niederländisch weniger, wegen seiner gewöhnungsbedürftigen Fauchkonsonanten. Kaum jemand interessiert sich bei uns dafür, was die Millionen von Zuwanderern aus der Türkei in Deutschland von unserer Sprache halten. Im Norden machen sich Schweden über die dänische Sprache lustig und nennen sie die Halskrankheit der Skandinavier.

Schönheitsideale unterscheiden sich stark voneinander, je nach der Kultur, in der sie gewachsen sind. Das betrifft nicht nur die Sprachen. Übergewicht zum Beispiel gilt in sogenannten westlichen Kulturen als unerwünscht, in manchen arabischen und fernöstlichen eher als Zeichen von Wohlstand. In Nordafrika gilt helle Haut als edel; in Europa lassen sich die Blassen gern in Bräunungsstudios dunkler grillen.

Viele Wörter für Ähnliches

Misst man die Sprache an der Vielfalt ihrer Wörter für ähnliche Gegenstände oder Eigenschaften, ergeben sich auch keine brauchbaren Urteile. Die Franzosen haben nicht nur ein Wort für blau, sondern zwei verschiedene: bleu und azur, wobei sich allerdings die Farbschattierungen unterscheiden. Ähnlich ist es im Italienischen: azzurro ist eine Farbe, die zwischen blu und celeste liegt – alles irgendwie blau. Russen unterscheiden bei der Farbe Blau zwischen goluboj und sinyj. Im Ungarischen gibt es mindestens zwei Wörter für rot: piros und vörös (gesprochen: pirosch und wörösch). Jeder Ungar wird ohne Zögern die rote Rose, die rote Fahne, das Blut, rote Lippen oder Fingernägel als piros bezeichnen; dagegen sind die Rote Armee und der Rotwein oder der Fuchs vörös. Auf dem Roten Platz, dem Vörös Tér, weht dann eine rote Fahne, die aber für einen Ungarn keineswegs vörös, sondern piros ist. Daran besteht für ihn nicht der geringste Zweifel, aber es fällt ihm schwer, einem Deutschen zu erklären, worin sich piros und vörös unterscheiden.

Bizarr mutet auch das Gezänk an, welcher Sprache denn die Ehre besonderen Alters gebühre. Französisch, so heißt es dann, ist ja nur ein jüngst erst aus dem Lateinischen mutiertes Idiom, Englisch eine suspekte germanisch-romanische Mixtur. Und Deutsch? Wenn die Kritiker beispielsweise der englischen Sprache (“fast nur Fremdwörter!“) auch aus der eigenen deutschen alle Lehn- und Fremdwörter entfernten, gäbe es kein Fenster mehr und keine Pforte, kein Auto und keinen Frisör. Wissen, das auf lateinisch videre (= sehen) zurückgeht, entfiele; Vater und Mutter wären gefährdet; man stelle sich vor: die Muttersprache ohne Mutter! Das Vaterland würde – wieder einmal – halbiert, Mauern verschwänden allerdings auch, Dome und Klöster ebenso; von Ärzten und Kliniken bliebe nichts übrig. Die Medizin, in Deutschland ohnehin schon schwer angeschlagen, würde genauso abgeschafft wie Keller, Dächer, Zimmer und Lampen.

Überraschend ist die Menge der Lehnwörter aus dem Altgriechischen. Hier sind 20 beliebig aus dem Wörterbuch gefischte Beispiele: Aster, Ball, Becher, Büchse, Butter, Echo, Fell, Gas, Gips, Grotte, Kirche, Koffer, Klima, Kohl, Mühle, Tapete, Teppich, Text und Torte. Die Aufzählung könnte Bände füllen. Übrig bliebe nur ein kleiner Rest (dieses Wort gäbe es auch nicht mehr); er wäre leicht überschaubar und in einem kleinen Heftchen unterzubringen. Sprachen verkümmern, wenn sie keine jungen Wörter aufnehmen; trotzdem sind zugewanderte nicht immer beliebt.

Die häufig beschworenen Wörter früh- oder urgermanischen Ursprungs hat keiner von uns je gehört. Wissenschaftler haben sie rekonstruiert (“erschlossen“), ähnlich wie die Frisur und die Haarfarbe des Neandertalers. Von diesen Wörtern haben sich viele auf dem Weg vom Althochdeutschen über das Mittel- zum Neuhochdeutschen durch Importvokabeln verdrängen lassen. Karl der Große durfte nicht nur auf sein großes Latinum stolz sein, sondern er hat gewiss auch ein passables Althochdeutsch gesprochen, wenn es denn nötig war – ein frühes Fränkisch. Er hat aber seinen Wortschatz nicht unter Artenschutz stellen können. Spräche er heute im Fernsehen zu uns, würde er nicht mehr verstanden. Viele der damals gebräuchlichen Wörter sind inzwischen ausgestorben. Mancher Ausdruck wurde durch eine Neubildung verdrängt – so wie wir es heute wieder oder noch immer erleben.

Man kann nur darüber spekulieren, wieviel vom deutschen Wortschatz seiner Zeit verloren ging, als sein Sohn Ludwig (“der Fromme“) die unschätzbare althochdeutsche Bibliothek seines Vaters, gewissermaßen aus clerical correctness, abfackelte und schon früh die kulturferne Unsitte der Bücherverbrennungen auch in Deutschland einführte.

Werturteile sind unseriös

Manches lässt sich mit der heutigen deutschen Sprache nicht benennen, sondern nur umschreiben – beispielsweise gibt es kein Wort für den gelöschten Durst; beim Essen haben wir das Wortpaar hungrig / satt; zu durstig gibt es kein allgemein bekanntes Gegenstück. Beim Versuch, den Unterschied der Gerüche von Veilchen und Maiglöckchen zu beschreiben, versagt das Deutsche ebenso wie die meisten anderen Sprachen ganz. Anderes – wie Gemütlichkeit – lässt sich wieder nicht ins Englische übersetzen. Wenn das englische ticket im Deutschen Unterschiedliches bezeichnet (Flugschein, Fahrkarte, Eintrittskarte für Theater, Kino und Museum, Strafzettel oder Restaurantrechnung), sagt das noch nichts über Reichtum oder Ärmlichkeit der englischen Sprache aus. Ebensowenig lässt sich aus den fast 50 Wörtern für Schnee im Ostgrönländischen das Gegenteil schließen. Hier sind die Unterschiede aus dem Bedarf erwachsen: In Uummananaq kann das Leben davon abhängen, auf welcher Schneesorte man zur Jagd geht oder den Heimweg antritt, und darüber muss man sich verständigen können.

Lässt sich der Wert einer Sprache daran messen, ob sich Texte in sie oder aus ihr übersetzen lassen? Wohl kaum. Wer ein wenig Englisch beherrscht, wird bei deutschen Übersetzungen aus dem Englischen schnell feststellen, dass manches schlecht oder missverständlich ist. Sollen wir daraus schließen, dass die deutsche Sprache untauglich ist, englische Texte wiederzugeben? Oder müssen wir die Leser in England bedauern, weil in ihrer Sprache Hegel, Kant und Heidegger noch weniger zu verstehen sind als im deutschen Original? Warum müssen immer neue Übersetzungen der “Recherche du temps perdu“ von Marcel Proust erscheinen?

Das Gedicht “Ognuno sta solo sul cuor della terra…“ des sizilianischen Literaturnobelpreisträgers Salvatore Quasimodo erschließt sich auch einem Leser mit bescheidenen Italienisch-Kenntnissen leicht als dichterisches Meisterwerk. Eine angemessene Übersetzung ins Deutsche ist nicht möglich. Je nachdem, ob man “solo“ als allein, einzeln oder einsam übersetzt, ergeben sich drei verschiedene Gedichtvarianten, von denen keine dem Original gerecht wird.

Vorschnelle Sprachrichter

Was sollen wir daraus schließen? Der Vergleich von Sprachen bringt nicht viel mehr als die Erkenntnis, dass die eine für bestimmte Inhalte besser geeignet ist als die andere. Das betrifft nicht nur die Wörter, sondern auch den grammatischen Bau – beispielsweise im Deutschen die Möglichkeit, Substantive zu langen Nominalkomposita zusammen zu leimen. Aber eine Wertskala ist daraus nicht abzuleiten, allenfalls eine Rangfolge persönlicher und damit unmaßgeblicher Prioritäten. Isländisch mag wegen seines Formenreichtums interessanter und kreativer sein als Spanisch, wenngleich auch von geringerem Nutzen im internationalen Alltag. Welche Sprache man lieber mag, ist eine ganz persönliche Entscheidung und hat nichts mit dem “Wert“ zu tun.

In manchen Äußerungen aus dem Verein Deutsche Sprache finden sich drastische Urteile, meist negative, über die Idiome unserer Nachbarn. Der Verdacht liegt nahe, dass die meisten der vorschnellen Sprachrichter noch keine 20 Bücher in der Sprache gelesen haben, über die sie sich zu urteilen erlauben, und auch nicht ein paar Jahre in dem betreffenden Land gelebt haben. Und es ist fraglich, ob sie wohl mehr als vier der meistgesprochenen unter den fast 30 Sprachen unserer europäischen Nachbarn so weit beherrschen, dass sie sich ein Urteil über alle erlauben dürften.

Besonders bizarr sind die Ausfälle mancher Kritiker, die zwar mit Recht gegen Denglisch wettern, dann aber eine Verunglimpfung der englischen Sprache oder gleich der Engländer und Nordamerikaner nachschieben. Die aber tragen keineswegs die Schuld daran, dass Deutsche so abenteuerliche Begriffe wie Service Point, Peeling, Pullover, Oldtimer, Showmaster, Longseller und Beamer verwenden, die alle in Deutschland erfunden wurden oder eine ganz neuartige Bedeutung angenommen haben und die jenseits des Ärmelkanals niemand kennt oder nur in ganz anderem Sinne benutzt. Die Verantwortlichen sitzen im eigenen Land.

Begnügen wir uns doch damit, dem Leitspruch des “Vereins Deutsche Sprache“ zu folgen: “Bürger für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas.“ Wenn wir uns nur dafür einsetzen, unsere eigene Sprache zu erhalten, haben wir schon genug zu tun.

Gedruckt in Sprachnachrichten, Nr. 36, Dezember 2007, (c) Max Behland.