Niederländisch (“Nederlands“)

Eine Weltreise auf den Spuren des Niederländischen

Die Bezeichnung Holländisch ist irreführend, weil sie sich auf die nördlichen niederländischen Dialekte bezieht, die in Holland gesprochen werden. Historisch ist dieses Holländisch die Grundlage des heutigen Niederländischen. Ihm stand im Süden (in den heutigen flämischen Regionen Belgiens) das Flämische (Vlaams) gegenüber.
Das Niederländische ist eine westgermanische Sprache, die dem Deutschen nahe steht. In seiner standardisierten Form (Algemeen Beschaafd Nederlands) ist Niederländisch Staatssprache der Niederlande sowie in den flämischen Regionen Belgiens. Im offiziell zweisprachigen Brüssel steht Niederländisch gleichberechtigt neben Französisch. Insgesamt gibt es etwa 22 Millionen Sprecher des Niederländischen.
Niederländische Lehnwörter im Deutschen sind z.B. Gracht, Gardine, Aprikose. (nach: “Metzler Lexikon Sprache“; vgl. Nachschlagewerke)

 

Auf den Spuren des Niederländischen
Von Sandra Keuper

Zunächst, werte Gäste des HDS, nehme ich Sie mit nach Brüssel, in die Hauptstadt der Hauptstädte, aber es geht hier einmal nicht um die Europäische Union, auch nicht um Belgien, sondern um Flandern. Brüssel (niederländisch Brussel: ein niederländisches “u” klingt wie das deutsche “ü”) – Brüssel also ist die Hauptstadt Flanderns und der Sitz des Flämischen Parlaments (Vlaams Parlement). Brüssel ist eine altehrwürdige Stadt in Brabant. Heutzutage hat Brüssel zwei gleichberechtigte Amtssprachen, Niederländisch *) und Französisch. Der Brüsseler Dialekt **) ist ein Nachfahre des Mittelniederländischen.

Karte Flandern Wallonie Im Norden Belgiens, also in der Region Flandern (Vlaanderen), ist das Niederländische (Nederlands) die alleinige Amtssprache. Die meisten Einwohner Belgiens sind Flamen (Vlamingen). Wenn man in nördliche Richtung reist, trifft man irgendwann auf eine Staatsgrenze, keine Sprachgrenze, jedenfalls nicht wirklich. Es ist eigentlich nicht anders als zwischen Deutschland und Österreich, wo verschiedene politische Strukturen und die Grillen der Geschichte ihren Stempel auf den Wortschatz gedrückt haben, jedenfalls auf einen Teil davon. Man kann auch Unterschiede hören, genau wie jemand, der sich von Berlin nach Wien begibt.Im Süden der (heutigen) Niederlande ist das alles noch nicht so auffällig. Wenn man die Namen der Provinzen betrachtet, sieht man sowohl auf flämischer als auch auf niederländischer Seite je eine Provinz Brabant und Limburg. Das ist nicht zufällig so. – Leider müssen wir schon aufbrechen und können nicht länger verweilen, obwohl das spannend wäre. Wir schauen also eben in Amsterdam vorbei, der Hauptstadt der Niederlande (der Regierungssitz ist Den Haag).
Hier sehen wir uns ein wenig um, machen einige Abstecher und brechen auf in den Norden. In Groningen feiert man noch heute jedes Jahr am 28. August den Sieg über den Bischof von Münster, der die Stadt belagert hatte. Der Feiertag heißt Gronings Ontzet oder Bommen Berend. Wir befinden uns immer noch in niederländischen Gefilden. Die Amtssprache aller Provinzen ist das Niederländische, aber das wussten wir ja schon.

Nun machen wir einen Abstecher nach Friesland und begeben uns damit in eine zweisprachige Provinz, die einzige Provinz mit zwei Amtssprachen, nämlich Niederländisch und Friesisch. ***)

Unser nächstes Ziel ist ein Flughafen, so dass wir unsere Entdeckungsreise außerhalb Europas fortsetzen können. Also wieder Richtung Amsterdam, aber dieses Mal fahren wir über den Abschlussdeich (Afsluitdijk). Das ist die kürzeste Verbindung zwischen Friesland und Nord-Holland (Noord-Holland). Auf dem Flughafen Schiphol angekommen, warten wir auf den Flug nach Paramaribo und vertreiben uns die Zeit mit unserer Reiselektüre:

Bis 1975 bestand das Königreich der Niederlande (Koninkrijk der Nederlanden) aus den Niederlanden, den Niederländischen Antillen (Nederlandse Antillen) und Suriname.

Suriname, in dessen Hauptstadt Paramaribo wir landen werden, wurde in jenem Jahr, also 1975, unabhängig. Heutzutage sind die Niederlande, Flandern und Suriname durch die Sprachunion (Taalunie) verbunden. Das ist eine Organisation, die durch einen Vertrag zwischen (zunächst) den Niederlanden und Belgien ins Leben gerufen wurde. Sie dient der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Sprachpflege.

1986 erhielt Aruba einen besonderen Status (status aparte), so dass wir heute von den Niederländischen Antillen und Aruba sprechen. Die Niederländischen Antillen bestehen aus Bonaire, Saba, dem Süden von Sint Ma(a)rten, Sint-Eustatius en Curaçao. Die Bevölkerungen der Inseln unterscheiden sich ethnisch und kulturell voneinander. Auch in Suriname leben viele verschiedene Völker, und natürlich kommt da einiges an Sprachen zusammen. Aber die Amts- und Unterrichtssprache von Suriname ist das Niederländische. Schönen Aufenthalt in Suriname!

Die Antillen sind jetzt nicht mehr so weit und sicher einen Abstecher wert. Wer echt auf Weltreise gehen möchte, fliegt (danach) weiter nach Indonesien und Südafrika. Indonesien war bis zur zweiten Hälfte der 1940er Jahre eine niederländische Kolonie (“Niederländisch Indien”, “Nederlands Indië”), und auch heutzutage benötigen Juristen und Historiker dort Kenntnisse der niederländischen Sprache, um Quellenstudien betreiben zu können. Auch für den Tourismus ist die niederländische Sprache in Indonesien heute von Bedeutung.

Wegweiser

Bleibt Südafrika, die Heimat des Afrikaans. Afrikaans hat sich aus dem Niederländischen entwickelt und ist eine der Amtssprachen Südafrikas (Zuid-Afrika, Suid-Afrika), ist aber auch in den Nachbarländern bekannt. Trotz grammatischer Unterschiede und teilweise anderem Wortschatz ist die Verständigung zwischen afrikaans- und niederländischsprachigen Menschen im allgemeinen kein Problem. ****)

Nachdem wir viel gesehen und gehört haben, kehren wir nach Europa zurück, aber noch ist unsere Reise nicht beendet: Wir begeben uns nach Nord-Frankreich. Das sind die französischen Niederlande (de Franse Nederlanden, Frans-Vlaanderen, Zuid-Vlaanderen), ein Landstrich, der zur alten Graafschap Vlaanderen gehörte und wo viel flämische Geschichte geschrieben wurde. Das Gebiet wurde immer mehr französisiert. Das ging bis zu einem Verbot der Sprache.

Auch heute können die Südflamen auf keinerlei Unterstützung von seiten des französischen Staates rechnen, wohl aber darf an einigen Grundschulen jetzt auch Vlaamsch unterrichtet werden, und an manchen Schulen unterrichtet man Niederländisch als Fremdsprache (wenn auch vor allem aus wirtschaftlichen Gründen). Wir suchen und finden aber sicherlich Menschen, die ihre alte Sprache bewahrt haben. Wir sehen flämische Schilder und Straßennamen, die als Adressen auch in (französischen) Telefonbüchern auftauchen.

Also nehmen wir den Zug von Amsterdam nach Lille (Rijsel) und kommen auf dem Bahnhof Lille Flandres an. Der Name erzählt natürlich Geschichte. Nach einem Stadtrundgang besuchen wir die Dörfer, wo man das altehrwürdige Flämisch noch hören kann. Fündig werden wir vor allem Richtung Nordsee und westflämischer Grenze.

Wir kehren langsam nach Deutschland zurück, aber schauen uns das deutsch-niederländische Grenzgebiet etwas genauer an. Heutzutage ist der Einfluss der jeweiligen Hochsprachen (Hochdeutsch bzw. Algemeen Nederlands) so groß, dass die Staatsgrenze auch zu einer Sprachgrenze geworden ist. Die Bedeutung und die Kenntnis der Dialekte, die ineinander übergingen, sind viel geringer als früher. Die niederländische (Hoch)sprache war in einigen Gebieten durchaus bekannt und gebräuchlich, z.B in Kleve und Bentheim. In Kleve (Kleef) und Umgebung betrachtete man das Niederländische als einheimische Sprache, und man verwendete es auch, um sich von Preußen abzugrenzen. Erst im Jahre 1739 verlangten die Preußen, dass für die amtliche Korrespondenz mit Berlin die deutsche Sprache zu benutzen sei. Die Lokalverwaltung bediente sich noch lange der niederländischen Sprache, die auch Unterrichtssprache war. Als Kirchensprache war das Niederländische noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich.

In Bentheim war der Einfluss des Niederländischen ebenfalls groß. Es wurden auch niederländische Lehrer und Geistliche angestellt. Bis zum Jahre 1880 war das Gebiet mehr und mehr hochdeutsch geworden, aber in vielen Kirchen wurde bis zum Ersten Weltkrieg auf Niederländisch gepredigt, in einigen Kirchen sogar noch viel länger.

So sind wir zurück von einer langen Reise auf den Spuren des Niederländischen, unserer Nachbarsprache – und einer Weltsprache.

*) Weiterführendes
Die ersten Anfänge, nicht nur für Kinder: www.lingoland.net/languagequiz/q1.php
Niederländisch für Deutsche: www.uitmuntend.de
Brüsseler Lieder, ganz modern: www.myspace.com/defanfaar
Academie van het Brussels: www.avhb.be
Infos über Flandern: www.flandersonline.org/nl/flanders.php (In vier Sprachen, auch auf Deutsch!)
Afrikaans: www.roepstem.net (Zweisprachiger Internetauftritt, Niederländisch-Afrikaans)
Frysk: www.fryskebeweging.nl
Grenzgebiete: www.zannekin.org (ZANNEKIN beschäftigt sich mit den Grenzgebieten im westlichen Deutschland und in Nordfrankreich, wozu Ostfriesland, das Emsland, Lingen, Bentheim, das Westmünsterland, Kleve, die geldrischen Gebiete zwischen Maas und Rhein, Jülich, die limburgischen Gebiete bei Aachen, Luxemburg, Französisch-Flandern, Artois und die Picardie gehören. Einige dieser Gebiete, die wie ein Kranz um die historischen Niederlande liegen, haben einmal zu einem niederländischen Staatsverband gehört, andere hatten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet enge Kontakte. Wieder andere, und das sind neben Französisch-Flandern vor allem die deutschen Grenzgebiete, waren bis vor wenigen Generationen noch niederländischsprachig.)

**) Leo Camerlynck, Vorsitzender der Academie van het Brussels, hat die HDS-Karte mit den Sprachproben aus den Nachbarländern Deutschlands (siehe Sprachenvielfalt) in “Brussels Dialect”, der Mitgliederzeitschrift der “Academie”, abdrucken lassen und darüber geschrieben. – Sandra Keuper hatte ihn um eine Übertragung des Satzes von Günter de Bruyn “Die Liebe des Nachbarn zu seiner Sprache begreifen kann nur, wer die eigene liebt“ in den Brüsseler Dialekt gebeten. Damit beginnt er sein “Wort des Präsidenten”: De leefde woêmei da ne gebeur goo zaain aaige toêl swanjeit, kan allien mô ne meens verstoên dee zaain aaige toêl geire zeet.

Von Leo Camerlynck ist auch die Übertragung ins Afrikaans; vgl. Anm. ****.). Schließlich erwähnt er auch die Übersetzung in Friesische (vgl. Anm. ***) und wünscht seinen Lesern viel Vergnügen bei der Betrachtung der HDS-Karte. – Das HDS dankt ihm für seinen Beitrag und die freundlichen Worte.

't Woudeke van de President

 

 

 

 

 

 

 

***) Sandra Keuper hat dem HDS die Übersetzung von Günter de Bruyns Satz (vgl. Anm. **)) ins Westfriesische durch Jaap van der Bij, den “Forsitter fan de Ried fan de Fryske Beweging”, vermittelt: “Allinne hy dy’t fan syn eigen taal hâldt kin de leafde fan de buorman foar sýn taal begripe” und auch die von Anita Willers, Oostfreeske Taal i.V (Aurich), ins Ostfriesische: “Blot een, de sien egen Spraak leev hett, kan begriepen, dat de Nahber dat ok deit.“

Zum Friesischen (mit Hilfe des Metzler Lexikons Sprache): Friesisch (Eigenbezeichnung Frysk für Westfriesisch, Frasch für Nordfriesisch, Fräisk für Saterländisch/Ostfriesisch). Unter der Bezeichnung Friesisch fasst man jene westgermanischen Sprachen zusammen, die weder zum Englischen noch zum Niederländisch-Deutschen gerechnet werden. Es gibt drei Ausprägungen:
– Westfriesisch (neben Niederländisch Amtssprache in der NL-Provinz Friesland; ca.300.000 Sprecher),
– Nordfriesisch (Regionalsprache an der schleswigschen Küste, auf Amrum, Föhr und den Halligen, früher auch auf Sylt und Helgoland; heute ca. 10.000 Sprecher),
– Ostfriesisch (Regionalsprache im Saterland [Ramsloh, Scharrel und Strücklingen] südlich von Leer in NW-Niedersachsen, ca. 2.000 Sprecher).

****) Zum Vergleich wieder Günter de Bruyns Satz “Die Liebe des Nachbarn zu seiner Sprache begreifen kann nur, wer die eigene liebt“ auf Niederländisch “De liefde die een buur voor zijn taal koestert, kan enkel di egene begrijpen die van zijn eigen taal houdt“ und schließlich auf Afrikaans: “Die liefde wat’n buur vir sy taal koester, kan net die mens begryp wat vir sy eie taal lief is.”