Wie Hände schreien und flüstern

Gebärdensprache der Gehörlosen

von Ruth Seifert

Für ungefähr 80.000 Gehörlose und 60.000 Schwerhörige, die die deutsche Gebärdensprache (DGS) sprechen, steht außer Frage, dass man ohne Stimme auch schreien und flüstern kann. Man kann sogar Gedichte aufsagen und im Chor singen.

Bei der Gebärdensprache handelt es sich nämlich nicht um eine Art Pantomime oder um die gestische Umsetzung der deutschen Lautsprache, sondern sie ist eine natürliche Sprache, die sich entwickelt hat und nicht künstlich konstruiert wurde. So ist die Gebärdensprache auch nicht international. Es gibt so viele verschiedene Gebärdensprachen wie Lautsprachen auf der Welt. In Deutschland können Gehörlose an Hand des Dialektes sogar erkennen, ob ein Hamburger oder ein Münchner gebärdet. Die DGS hat auch eine eigene Grammatik, die nicht von der deutschen Lautsprache abgeleitet werden kann. Außerdem sind nur 40% der Gebärden ikonisch, d.h. bei der Mehrheit der Gebärden besteht keine Ähnlichkeit zwischen dem Inhalt und der Form der Gebärde. Allerdings hat die DGS erst seit 1985 den offiziellen Status einer eigenständigen Sprache und erst seit 2002 ist sie bundesweit rechtlich anerkannt, d.h. Gehörlose haben seitdem bei Amtsgängen ein Recht auf einen Gebärdendolmetscher.

Wie jede Sprache hat auch die Gebärdensprache eine eigene Kultur mit eigenen Kunstformen entwickelt. So gibt es in der Gebärdensprache Gedichte zum Sehen, wie es in der Lautsprache Gedichte zum Hören gibt. Dabei geht es nicht darum, ein Gedicht von Goethe in die Gebärdensprache zu übersetzen, sondern bei Gebärdengedichten müssen die Gebärden visuell aufeinander abgestimmt werden, genauso wie der Klang in lautsprachlichen Gedichten. Bei Theateraufführungen gebärden dann unter anderem große Chöre und wenn es dem Publikum gefällt, winkt es, statt zu klatschen.

Zum Reden braucht man in der Gebärdensprache aber mehr als nur die Hände. Die Sprecher nutzen Handstellung, Handbewegung, Mimik, Kopf- und Körperhaltung, um Informationen zu übermitteln. In der Regel wird mehr Zeit benötigt, um eine Gebärde auszuführen als um ein Wort auszusprechen. Allerdings dauert es nicht länger einen Satz zu gebärden als ihn auszusprechen, da in der Gebärdensprache mehrere Aspekte gleichzeitig ausgedrückt werden können, die in der gesprochenen Sprache nacheinander Wort für Wort geäußert werden müssen. Beispielsweise kann gleichzeitig mit der Mimik die Handhaltung und -bewegung modifiziert werden.

Mimik in der Gebärdensprache
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 Mimik in der Gebärdensprache

Wenn die Gebärde nun direkt vor dem Körper ausgeführt wird, so sieht sie nur die Person gegenüber. Man flüstert also. Wird jedoch mit großen Bewegungen gebärdet, so ist sie auch am anderen Ende des Saales noch zu sehen, wie als wenn man laut schreien würde.

Der Spracherwerb bei gehörlosen Kindern erfolgt nach dem gleichen Muster wie bei hörenden Kindern. Das Problem ist aber, dass nur 15% der gehörlosen Kinder auch gehörlose Eltern haben. Die Mehrheit der gehörlosen Kinder wächst in einem Umfeld auf, das die Gebärdensprache als Fremdsprache erlernt hat. Deswegen verzögert sich der Spracherwerb oft, was für die kindliche Entwicklung nicht förderlich ist. Die meisten Gehörlose sind übrigens zweisprachig: Sie sprechen in der Gebärdensprache und lesen und schreiben in der Lautsprache.

In der Gebärdensprache gibt es auch Fingerzeichen für die einzelnen Buchstaben des Alphabets. Sie werden benutzt, um in einem Gespräch Fremdwörter und Eigennamen zu verwenden. Allerdings ist es sehr umständlich, immer das jeweilige Wort zu buchstabieren, so dass schnell Gebärden gefunden werden, um die Personen und Sachverhalte zu bezeichnen. Hier sind einige Beispiele von Politikernamen, die in Hamburg üblich sind:

Politikernamen in Deutscher Gebärdensprache
Joschka Fischer     Angela Merkel Gerhard Schröder Guido Westerwelle
Politikernamen in Hamburg

Wie in der Lautsprache gibt es übrigens auch in der Gebärdensprache gute und schlechte Redner und natürlich gibt es Vergebärder, wie in der Lautsprache die Versprecher.

Fingeralphabet
Fingeralphabet
Fingeralphabet
Das Fingeralphabet der Deutschen Gebärdensprache (DGS)

Abbildungen “Mimik in der Gebärdensprache” und “Politikernamen in Hamburg” aus
Markus Steinbach: Schnittstellen der germanistischen Linguistik. Stuttgart: J.B. Metzler Verlag 2007, S. 152 u. 164.
mit freundlicher Genehmigung des J.B. Metzler Verlages, Stuttgart