Gedicht des Monats Dezember 2008

Jahreswechsel

Ein Jahr geht zu Ende, das nächste bricht an – wohl überall auf der Welt ist dies ein Augenblick des Innehaltens, für den einzelnen Menschen und für die Gemeinschaft, in der er lebt. Den Blick zurück bestimmen Zufriedenheit oder Trauer, den nach vorn Angst und Hoffnung oder beides. Schwer zu sagen, warum uns solche Gefühle und Gedanken gerade in diesem eigentlich nur kalender-technisch besonderen Moment bewegen.

Dieses menschliche Gefühls- und Verhaltensmuster ist alt und verbreitet. Unsere Dichter sind ihm in ihrem Schaffen aber selten gefolgt. Zu mechanisch, zu trivial? Zu augenblicksgebunden: Wird jemand ein Gedicht über die Empfindungen eines einzelnen Dichters beim Jahreswechsel – sagen wir 1981/82 – zu Silvester 2011/12 noch lesen wollen?

Ja, es gibt einige Gedichte namhafter Lyriker zu dem Thema. Sie handeln meist von der Besonderheit der Übergangssituation, nicht von den an einen bestimmten Jahreswechsel gebundenen Gedanken oder Gefühlen ihrer Verfasser.

Ganz anders das folgende Gedicht:

Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar, –
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;

noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll´n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Wie alle guten Gedichte wirkt auch dieses ohne Erläuterungen auf seine Leser. Wer selbst nicht religiös ist, den ergreift gleichwohl das Vertrauen des Dichters in seinen Gott, und er spürt den Trost, den Glauben und Vertrauen dem Sprechenden spenden. Ebenso unmittelbar erfassen wir, dass der Autor diese Verse in tiefer Bedrängnis geschrieben hat, in der Gewissheit seines  baldigen Todes (“Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken / an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz…“). Mehrfach klingt an, dass es dunkel um ihn ist, dass er sich nach Licht sehnt und, sechste Strophe, noch ein letztes Mal nach den Stimmen des Lebens.

Das alles verstehen wir sofort, und es berührt uns unmittelbar, obwohl der Dichter nicht zu uns, den Lesern, spricht. Er betet zu seinem Gott und spricht zugleich zu bestimmten Menschen, die ihm nahestehen. Er will auch sie trösten in ihrem Leid, das – sie wissen, wir ahnen es – mit dem seinen verknüpft ist: “Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken / an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, / dann woll´n wir des Vergangenen gedenken, / und dann gehört Dir unser Leben ganz.“ Und: “So will ich diese Tage mit euch leben / und mit euch gehen in ein neues Jahr“. – Nur in diesem einen Vers – man bemerkt das kaum beim ersten Lesen – taucht das Wort “ich“ auf. Und auch hier wird es alsbald wieder zum Teil der Gemeinschaft: “mit euch“.

Freilich versteht man manches konkreter, wenn man etwas über die besondere Situation weiß, in der dieses Gedicht entstanden ist, und wenn einen dieses Wissen überzeugt, dass der Dichter in dieser Situation wirklich nicht an einen Verleger oder an die lesende Nachwelt gedacht hat. Dietrich Bonhoeffer hat diese Verse im Dezember 1944 im Nazi-Gefängnis geschrieben und an seine Verlobte geschickt “als Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister”. Auch die Ehemänner seiner Schwestern saßen damals als Mitkämpfer des Widerstandes gegen das Hitler-Regime im Kerker, und allen drohte der baldige Tod.

Bonhoeffer, 1906 in Breslau geboren, ist, nicht zuletzt wegen dieses einen Gedichts, einer der bis heute namentlich bekanntesten Kämpfer gegen die Hitler-Diktatur, gegen ihre Versuche, die Kirchen gleichzuschalten, gegen ihren mörderischen Judenhass. Schon früh hatte er erkannt, dass Hitler den Krieg plante und vorbereitete. Dietrich Bonhoeffer  Dietrich Bonhoeffer (1906-45)

Schon mit 17 Jahren begann er das Studium der evangelischen Theologie und schloss es früh mit dem höchsten Grad, der Habilitation, ab. Sodann übernahm er, mehrfach wechselnd, seelsorgerische und akademische Aufgaben, auch in Spanien, den USA und England. 1935 kehrte er aus dem für ihn sicheren Ausland nach Deutschland zurück, um sich ganz im Kampf gegen die Nazi-Diktatur einzusetzen.

1940 wurde er wegen “volkszersetzender Tätigkeit“ mit Rede-, 1941 mit Schreibverbot belegt. Beidem widersetzte er sich durch unerschrockene Arbeit im Untergrund.1943 wurde er verhaftet (“Wehrkraftzersetzung). Am 9. April 1945, nur drei Wochen vor Hitlers Selbstmord und einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation des “Dritten Reiches“, wurden Bonhoeffer und andere Widerstandshelden, einige im Zusammenhang mit dem Attentatsversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1944,  im Konzentrationslager Flossenbürg (Oberpfalz) durch Erhängen hingerichtet.

Weniger als vier Monate zuvor hatte Bonhoeffer das nicht mehr ausschließen können: “Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern, / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, / so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / aus Deiner guten und geliebten Hand.“

Wer diese Informationen aufgenommen hat, dem wird die abermalige Lektüre des Gedichts noch mehr geben.

     Gedenktafel Bonhoeffer (polnisch) Gedenktafel Bonhoeffer (deutsch)
Bodentafeln zum Gedenken an Bonhoeffer in seiner Geburtsstadt Breslau, heute Wrocław

Das eindruckvollste Denkmal freilich hat sich Bonhoeffer mit diesen schlichten, schönen Versen selbst geschaffen. Er war kein Poet, aber dieses machtvolle Zusammenwirken von Trauer und Vertrauen hat ihm die Kraft zu einem großen Gedicht gegeben – an der Schwelle des Jahres, das ihm den Tod brachte und Europa das Ende unsäglichen Leides.