Gedicht des Monats Juni 2009

Juni – die Mitte zwischen dem Ende des vergangenen und dem Beginn des kommenden Jahres, die Mitte zwischen dem letzten und dem nächsten Großangebot von Fotokalendern in den Buchhandlungen. Von welchem Bildmotiv werden die Verlage 2010 abermals die größte Auswahl anbieten? Leuchttürme? Balkonpflanzen? Rennwagen? Männliche und weibliche Akte? Schmetterlinge? Nudelgerichte? Nein:

Kleine Katzen sind so drollig
und so wollig und so mollig,
dass man sie am liebsten küsst.
Aber auch die kleinen Katzen
haben Tatzen, welche kratzen.
Also Vorsicht! Dass ihr’s wisst!Kleine Katzen wollen tollen
und wie Wolleknäuel rollen.
Das sieht sehr possierlich aus.
Doch die kleinen Katzen wollen
bei dem Tollen und dem Rollen
fangen lernen eine Maus.Kleine Katzen sind so niedlich
und so friedlich und gemütlich.
Aber schaut sie richtig an:
Jedes Sätzchen auf den Tätzchen
hilft, dass aus dem süßen Kätzchen
mal ein Raubtier werden kann.
James Krüss
James Krüss

Diese artistischen Reime stammen von James Krüss (1926-1997), einem der erfolgreichsten Verfasser deutschsprachiger Kinderliteratur im 20 Jahrhundert (Gedichte, Hörspiele, Erzählungen). – In seinem Gedicht “Kleine Katzen“ begnügt er sich freilich nicht damit, diese niedlichen Wesen liebevoll zu besingen, sondern in jeder Strophe  – durch “aber“ und “doch“ einleitend – erinnert er an das Raubtier, das in dem seidigen Fellchen steckt.

Doch zunächst zu unserer Sprache, zu den Spuren, die dieses Tier in ihr hinterlassen hat. Das Alltags-Deutsch ist reich an Katzen-Bildern. Eugen Roth (1895-1976), Verfasser schier zahlloser milder Satiren über die kleinen Schwächen der Zeitgenossen, ließ seine Gedichte am liebsten mit “Ein Mensch …“ beginnen. Einmal freilich setzte er “Die Katze …“ an den Anfang, und dann stellte er eine Auswahl dieser Redensarten zusammen. (Das HDS hebt sie hier durch kursive Schrift hervor.)

Eugen Roth Die Katze kennt so ziemlich jeder;
Nicht viel braucht’s da aus meiner Feder.
Aus überreichem Weisheitsschatze
Schöpft unser Volk in punkto Katze.
Sprichwörter gibt’s da einen Haufen:
Man soll sie nicht im Sacke kaufen,
Doch auch nicht aus demselben lassen.
Man sagt wie Hund und Katz sich hassen,
Gleich ihr verbergen seine Krallen,
Stets wieder auf die Füße fallen,
Dass man ihr nicht den Speck vertrau,
Dass nachts sei’n alle Katzen grau,
Was man so von der Katze spricht:
Mit einem Wort, man traut ihr nicht.
Die Welt zu entkatzifizieren,
Die Mäuse Tag und Nacht studieren.
Was hilft der ganze Weisheitsschatz?
Es ist doch alles für die Katz!
Des Muskelkaters sei gedacht,
Auch der Musik, meist nachts gemacht,
Wenn die verliebten Katzen tollen,
Grad wenn die Menschen schlafen wollen.
Laufkatzen, ebenso wie Geld-,
Man nicht für echte Katzen hält;
Doch bringt das Katzenauge Glück,
Strahlt es an Deinem Rade rück.
Eugen Roth
 Katzenkalender

Kennen junge Radfahrer noch das “Katzenauge“ hinten an ihrem Drahtesel, dieses raffiniert geschliffene kleine Ding aus rotem Glas? Es wirft das Scheinwerferlicht des folgenden Autos leuchtend zurück – wie die im Dunklen funkelnden Augen der Katze. Wie man „Katz und Maus“ mit anderen spielt, wissen alle. Und wer mit einem “Kater“ erwacht, kennt den “Katzenjammer“.

Zurück zu James Krüss’ “Warnung“ vor dem Wolf im Schafsfell, vor dem im friedlich-gemütlichen Wolleknäuel versteckten Jäger. Fast alle Gedichte über Katzen, besonders die über die Beziehungen zwischen Mensch und Katze, amüsieren sich über das Rätselhafte, das Undurchschaubare dieses Tieres, über das Nebeneinander seiner Zuneigung zum Menschen und des immer wieder “arrogant“ zur Schau getragenen Eigensinns. Katzen tun nur das, was sie selbst wollen, lassen sich nicht trainieren. Sie schmusen mit dem Menschen, aber gehorchen ihm nicht. Die Katzen nutzen das ihnen vom Menschen Angebotene, das vom Menschen für dessen eigene Zwecke Geschaffene gerade so, wie es ihren Bedürfnissen oder Launen am besten dient

Heinz Erhardt (1909-79)

Ein paar hübsche Verse von
Heinz Erhardt findet man hier .
Das HDS darf sie aus urheberrechtlichen
Gründen nicht übernehmen.

 

 

 

 

 

 

Max Herrmann-Neiße (1886-1941)

Die vielen Katzen, welche um mich sind
Die wie versonnen in den Räumen schreiten,
Durch deren Fell oft meine Finger gleiten,
Sind lieber mir als Schwester, Freunde, Kind!

In ihren Augen liegt ein Fragen fremd,
Ein staunendes Nichtkennen, Nichtgekanntsein,
Ein trauriges, vereinsamtes Verbanntsein,
Ein wehes Wundern, dass ihr nicht vernehmt…

Und so versuchen immer wieder weich
Sie eure Seele in geheimem Singen
Ihr aber tut mit ihnen wie mit Dingen,
Und eure Welt ist fern von ihrem Reich!

Erich Kästner (1899-1974; vgl. Gedicht des Monats Oktober 2008)

Für die Katz

Wenn der Hufschmied den Gaul beschlägt,
wenn sich der Truthahn im Traum bewegt,
wenn die Mutter das Essen aufträgt,
wenn der Großvater Brennholz sägt,
wenn der Wind um die Ecke fegt,
wenn sich im Schober das Liebespaar regt,
wenn das Fräulein die Wäsche legt –
stets meint die Katze, man wollt mit ihr spielen!
Wie der Katze geht’s vielen.

 

Weniger fasziniert, doch nicht ohne Bewunderung reimt Robert Gernhardt (1937-2006):

Von einer Katze lernen
heißt siegen lernen.
Wobei siegen “locker durchkommen” meint,
also praktisch: liegen lernen.
Sie sind ein sieghaftes Geschlecht,
diese Katzen.
Es gibt ihrer so viele wie Spatzen im Land.
Doch wer streichelt schon Spatzen?
Sie ist gar kein rätselhaftes Tier,
so eine Katze.
Sie will viel Fraß, etwas Liebe, doch meist
horcht sie an der Matratze.
Was eine einzige Katze uns Lehrt,
lehren uns alle:So viel wie möglich nehmen, ohne zu geben,
und dann ab in die Falle.
Robert Gernhardt
Robert Gernhardt

Nicht zu kommentieren braucht Sarah Kirsch (geb. 1935) ihre Beobachtung oder das, was sie sich vorstellt. Die szenische Beschreibung allein charakterisiert das Wesen der Katze:

Sarah Kirsch

Sarah Kirsch Im Kreml noch Licht

Das ist Lenins weiße Katze
Jede Nacht macht sie Patrouille
Ihre ernsten grünen Augen
Sehen pünktlich aus dem Fenster

Sie frisst ungeratnes Schreibwerk
Stößt die Tinte mit der Pfote
Um dass nichts zu lesen ist:
Mascha kann durch alle Türen

Und wenn Posten davor stehen
Kneift sie ihre Augen zu
Steuert mit dem Sichelschwanz
Sicher durch die schwarzen Stiefel

Zeigt das Glockenspiel den Tag an
Führt ihr Weg zur Bibliothek
Sie verkneift ein spitzes Niesen
Sitzt auf ihrem Lieblingsbuch

Und erinnert sich der Zeiten
Wie der eignen Pfotenspuren
Als ihr Herr sie leis vermahnte
Und ein neues Blatt anfing.

Mit freundlicher Genehmigung aus: Sarah Kirsch, Sämtliche Gedichte, Copyright 2005, 
Deutsche Verlagsanstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.

 

Auch René Schickele (1883-1940), beschreibt einfach:

Katzen

Sie liegen irgendwo in den gewohnten Ecken
und scheinen zu sinnen.
Die Augen schimmern grün.
Man darf sie necken,
sie lassen sich gewinnen.
Und alsdann
legen sie sich auf den Bauch und runden
den Leib, versuchen mit Schnauze und Pfoten
deine Hände zu greifen,
und ihre Augen glühn,
die grünblaugraugelbroten.
Irgendwann
erheben sie sich und beginnen
eine kleine Vergnügungsreise durchs Haus.
Schließlich sehn sie zu einem offnen Fenster hinaus,
sie strecken
die Schnauze in die Luft und lassen die Augen schweifen,
prüfen: kann diese Witterung
einem Katzentiere munden?
Und schon sind sie mit wahrhaft musikalischem Sprung
in der blauen Luft verschwunden.

Am Abend sind sie plötzlich wieder da.
Man findet sie wie seidige,
o so geschmeidige
Damen, die man vor Stunden
glänzend und stark aus der Haustür treten sah,
mit ausgestreckten Beinen
weich zerknittert irgendwo,
wo sie in Erinnerungen versunken scheinen. René Schickele René Schickele

Auch Joachim Ringelnatz (1883-1934), der Autor des HDSGedichts des Monats Mai 2009, kann der Versuchung nicht widerstehen, “die“ Frau mit “der“ Katze zu vergleichen oder wenigstens doch das ihm Rätselhafte an beiden:

Schöne Frauen mit schönen Katzen

Schöne Frauen und Katzen pflegen
Häufig Freundschaft, wenn sie gleich sind,
Weil sie weich sind
Und mit Grazie sich bewegen.

Weil sie leise sich verstehen,
Weil sie selber leise gehen,
Alles Plumpe oder Laute
Fliehen und als wohlgebaute
Wesen stets ein schönes Bild sind.

Unter sich sind sie Vertraute,
Sie, die sonst unzähmbar wild sind.

Fell wie Samt und Haar wie Seide.
Allverwöhnt. – Man meint, dass beide,
Sich nach nichts als danach sehnen,
Sich auf Sofas schön zu dehnen.

Schöne Fraun mit schönen Katzen,
Wem von ihnen man dann schmeichelt,
Wen von ihnen man gar streichelt,
Stets riskiert man, das sie kratzen.

Denn sie haben meistens Mucken,
Die zuletzt uns andere jucken.
Weiß man recht, ob sie em Hellen
Echt sind oder sich verstellen? Weiß man, wenn sie tief sich ducken,
Ob das nicht zum Sprung geschieht?
Aber abends, nachts, im Dunkeln,
Wenn dann ihre Augen funkeln,
Weiß man alles oder flieht
Vor den Funken, die sie stieben.

Doch man soll nicht Fraun, die ihre
Schönen Katzen wirklich lieben,
Menschen überhaupt, die Tiere
Lieben, dieserhalb verdammen.

Sind Verliebte auch wie Flammen,
Zu- und ineinander passend,
Alles Fremde hassend.

Ob sie anders oder so sind,
Ob sie männlich, feminin sind,
Ob sie traurig oder froh sind,
Aus Madrid oder Berlin sind,
Ob sie schwarz, ob gelb, ob grau –

Auch wer weder Katz noch Frau
Schätzt, wird Katzen gern mit Frauen,
Wenn sie beide schön sind, schauen.

Doch begegnen Ringelnatzen
Häßlich alte Fraun mit Katzen,
Geht er schnell drei Schritt zurück,
Denn er sagt: Das bringt kein Glück.

Und noch diese anrührend-heitere Katzen-Episode aus der Feder des sonst eher nüchternen norddeutschen Prosaisten Theodor Storm (1817-88):

Von Katzen

Vergangnen Maitag brachte meine Katze
Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!
Die Köchin aber – Köchinnen sind grausam,
Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche –
Die wollte von den sechsen fünf ertränken,
Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen
Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr heim! – Der Himmel segne
Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen,
Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem
Erhobnen Schwanzes über Hof und Herd;
Ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,
Sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster
Probierten sie die allerliebsten Stimmchen.
Ich aber, wie ich sie so wachsen sahe,
Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit. –
Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitag ist’s! – Wie soll ich es beschreiben,
Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet!
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!
Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen,
In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,
Die alte gar – nein, es ist unaussprechlich,
Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette!
Und jede, jede von den sieben Katzen
Hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen!
Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut
Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;
Ersäufen will sie alle neunundvierzig!
Mir selber! ach, mir läuft der Kopf davon –
O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen! – Storms Katzen Drucktypen im frühen 20. Jahrhundert