Gedicht des Monats Februar 2010

Auf de schwäbsche Eisebahne gibt’s gar viele Haltstatione,
Schtuegart, Ulm und Biberach, Mekkebeure, Durlesbach!
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
Schtuegart, Ulm und Biberach, Mekkebeure, Durlesbach!

Auf de schwäbsche Eisebahne braucht mer keine Postillone.
Was uns sonst das Posthorn blies, pfeift uns jetzt die Lok’motiv.
Rulla, rulla …

Auf de schwäbsche Eisebahne wollt amal a Bäurle fahre,
geht am Schalter, lüpft de Hut. “Oi Bilettle, seid so gut!”
Rulla, rulla …

Eine Geiß hat er sich kaufet und daß sie ihm nit entlaufet,
bindet sie de guete Ma hinte an de Wage a.
Rulla, rulla …

“Böcklie, tu nuer woidle springe, ‘s Futter werd i dir scho bringe“.
Setzt si zu seim Weible na und brennt’s Tabakspfeifle a.
Rulla, rulla

Auf de nächste Statione, wo er will sei Böckle hole,
findt er nur no Kopf und Soil an dem hintre Wagetoil.
Rulla, rulla …

Do kriegt er en große Zorne, nimmt de Kopf mitsamt dem Horne,
schmeißt en, was er schmeiße ka, d’m Konduktör an Schädel na
Rulla, rulla …

“O, du kannst de Schade zahle, warum bist d’so schnell gefahre!
du alloin bist schuld dara, daß i d’Geiß verlaure ha!”
Rulla, rulla

2010 – zum 175. Mal jährt sich ein Ereignis, das für eine Zeitenwende in Mitteleuropa steht. 1835 wurde die erste Eisenbahnlinie auf deutschem Boden in Betrieb genommen, zwischen Nürnberg und Fürth. Ihr folgten in wenigen Jahrzehnten viele weitere Strecken, und schon bald gab es ein dichtes Eisenbahnnetz. Auch in Nordamerika und anderswo entwickelte sich das neue Verkehrsmittel rasant, führte zu gewaltigen Sprüngen der Industrialisierung und der Reichweite des Handels und Handelns, zu neuen Dimensionen des Denkens und Tuns.

Marke DDR Marke Bundesrepublik Marke Österreich Marke Helvetia

Zugleich veränderte die Eisenbahn die Lebensweise und die sinnliche Erfahrung der Menschen. Unser Gedicht des Monats bezeugt das. Zugegeben, dieser Liedtext gehört nicht zur Spitzenklasse der deutschen Gedichtkunst, einige seiner Reime knirschen, und für Nichtschwaben ist er ein wenig mühsam. Auf seine schlichte Art, mit der herablassend verulkenden Darstellung des naiven Bäuerleins und seiner armen Ziege zeigt er aber deutlich, welche Umstellung das neue Verkehrsmittel für das Denken, das Fühlen, für die Nerven der Menschen brachte.

Kein Wunder. Welche Höchstgeschwindigkeit kannte man bis dahin? Wie schnell ist ein Kutschpferd? Ein Mensch? Eine Ziege? Da waren die (umgerechnet) 27 km/h des ersten Personenzuges einfach unglaublich, überschritten das Vorstellungsvermögen. (Maschinentechnisch möglich gewesen wäre schon damals gut das Doppelte, doch das konnte man den Gleisen, wollte man der Gesundheit der Passagiere nicht zumuten.) 27 km/h – Wahnsinn!

Die erste deutsche Eisenbahn

Die Sensation. Zeitgenössische Lithographie eines unbekannten Künstlers.

Von einem unbekannten Autor sind die Verse, und schon 1853 standen sie im Liederbuch einer Tübinger Studentenverbindung, also nur 18 Jahre nach der Eröffnung der Strecke Nürnberg-Fürth. Als sie in das Liederbuch gerieten, waren sie sicher schon ein paar Jahre alt. Sehr schnell also scheint das Sensationelle dieser Neuerung die Fantasie der Menschen befeuert (und sie noch für eine Weile verängstigt) zu haben.

Schwabe wie der unbekannte Autor im Liederbuch, doch hochdeutsch hat Justinus Kerner (1786-1862) die Veränderungen schon 1852 ausgiebig beklagt, die die Eisenbahn soeben in das Leben der Menschen gebracht hatte – natürlich durch der Menschen eigenes Tun. Eines Tages, so steigert Kerner seine Klage, werde sich der Mensch, alles Maß verlierend, gar noch ein Luftschiff erfinden.

Im Eisenbahnhofe

Hört ihr den Pfiff, den wilden, grellen,
Es schnaubt, es rüstet sich das Tier,
Das eiserne, zum Zug, zum schnellen,
Her braust’s wie ein Gewitter schier.

In seinem Bauche schafft ein Feuer,
Das schwarzen Qualm zum Himmel treibt;
Ein Bild scheint’s von dem Ungeheuer,
Von dem die Offenbarung schreibt.

Jetzt welch ein Rennen, welch Getümmel,
Bis sich gefüllt der Wagen Raum!
Drauf »Fertig!« schreit’s, und Erd und Himmel
Hinfliegen, ein dämonscher Traum.

Dampfschnaubend Tier! Seit du geboren,
Die Poesie des Reisens flieht;
Zu Roß mit Mantelsack und Sporen
Keine Kaufherr mehr zur Messe zieht.

Kein Handwerksbursche bald die Straße
Mehr wandert froh in Regen, Wind,
Legt müd sich hin und träumt im Grase
Von seiner Heimat schönem Kind. Kein Postzug nimmt mit lustgem Knallen
Bald durch die Stadt mehr seinen Lauf
Und wecket mit des Posthorns Schallen
Zum Mondenschein den Städter auf.

Auch bald kein trautes Paar die Straße
Gemütlich fährt im Wagen mehr,
Aus dem der Mann steigt und vom Grase
Der Frau holt eine Blume her.

Kein Wandrer bald auf hoher Stelle,
Zu schauen Gottes Welt, mehr weilt,
Bald alles mit des Blitzes Schnelle
An der Natur vorübereilt.

Ich klage: Mensch, mit deinen Künsten
Wie machst du Erd und Himmel kalt!
Wär ich, eh du gespielt mit Dünsten,
Geboren doch im wildsten Wald!

Wo keine Axt mehr schallt, geboren,
Könnt’s sein, in Meeres stillem Grund,
Daß nie geworden meinen Ohren
Je was von deinen Wundern kund.

Fahr zu, o Mensch! Treib’s auf die Spitze,
Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft!
Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze!
Kommst weiter nicht als bis zur Gruft.

Justinus Kerner

 

Ein Zeitgenosse und Freund Kerners, der heute kaum noch bekannte Karl Mayer (1786-1870), blickt 1854 auf die durch das Eisenbahnwesen veränderte Umwelt. Kaum 20 Jahre nach der Eröffnung der kleinen Strecke in Mittelfranken sieht er die Städte verwandelt – und mit ihnen das menschliche Gemüt:

Alte und neue Zeit

Ein Wandrer, der sich still beschaute
Das Land, als man die Dome baute,
Ging frommen Muts von Stadt zu Stadt;
Die Welt war noch nicht glaubensmatt;
Der Erde und des Himmels Bund
Gab schon sich in der Landschaft kund.

Dem Weltsinn nicht durch Dampf und Schienen,
Man wollte Gott durch Münster dienen,
Und wuchs ihr Bau von Stein zu Stein,So drang das Herz mit himmelein.
Jetzt klammert sich’s am Erdrund an
Auf endlos platter Eisenbahn.

Doch was, nach allem Erdumschreiben,
Wird aus dem unruhvollen Treiben?
Dem Herzen bleibt des Himmels Zug;
Erst tut die Kraft sich selbst genug;
Doch an der Grenzmark schaut sie um
Und hebt sich neu zum Heiligtum.

Schon vor Beginn des Eisenbahnbetriebs 1835 in Franken waren die Kunde und sicher auch manche aufgeregte Beschreibung von der Eröffnung der ersten Dampfzug-Strecke in England (1825) auf das europäische Festland gelangt. So waren die Deutschen und ihre Nachbarn freudig gespannt und zugleich vorgewarnt. Von der Aufnahme der Dampfschiff-Fahrt (1812) in Schottland war längst das Signal ausgegangen, dass sich das Lebens- und Reisetempo ganz allgemein steigern werde. Hinzu kam die Erkenntnis, dass lange Reisen fortan komfortabler und für mehr Menschen erschwinglich werden würden, als man das gewohnt war.

Doch gab es, wie gesagt, auch mancherlei Sorgen. Schnell wurden die Veränderungen sinnlich erfahrbar. Der Bahnverkehr überzog die Landschaft mit einem eisernen Netz. Bahnhöfe, Tunnel und verwegene Brücken waren ein ungewohnter Anblick, nicht allen willkommen.

In seinem Gedicht von 1847 beobachtet Emanuel Geibel (1815-84), was Die junge Zeit (so heißt das Gedicht) durch ihre technischen Errungenschaften der Landschaft antut:

Durch Felsenschachte wühlt sie ihm die Gänge
Gewölbt und fest, daß in der düstern Enge
Des Schlotes Feuer rot wie Fackeln sprühn;
Sie schlägt ihm übers Tal mit Strom und Weilern
Wie einen Aquädukt auf hundert Pfeilern
Von Berg zu Berg die Brücke kühn.

Nicht nur die Landschaft, auch die althergebrachten regionalen Strukturen der Menschheit sieht Geibel, im selben Gedicht, durch das erleichterte Reisen in Gefahr. Oder klingt auch ein wenig freudiges Erstaunen mit?

Und sieh, nun braust es her auf tausend Wegen,
Was nie sich schaute, tritt sich keck entgegen,
Bunt sind die Trachten, das Gedräng’ ist dicht –
Der Bergschütz grüßt den Reitersmann im Panzer.
Der deutsche Bauer schaut dem Steppenpflanzer
Ins tief gebräunte Angesicht.

1924, noch fast 90 Jahre nach der ersten Fahrt von Nürnberg nach Fürth, staunt Kurt Tucholsky (1890-1935) in seinem Gedicht Luftveränderung über die „Weltläufigkeit“, die die Bahn den Menschen gebracht hat – auch wenn er glaubt, der Bewunderung dafür mit der Pointe des letzten Verses einen Dämpfer erteilen zu müssen.

Kurt Tucholsky Flieh Betrieb und Telefon,
Grab in alten Schmökern
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.
Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt umflitzt
ohne Rast und Ruh -:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre,
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

 

 

Marke Deutsches Reich (40 Pfennig) Längst waren da übrigens nicht nur die Reisen der Menschen weiträumiger und schneller geworden, auch die Laufzeiten der Briefpost hatten sich erheblich verkürzt, ihre Kosten verringert. Selbst für weniger Betuchte war es nun möglich, ihre private Kommunikation über größere Entfernungen zu strecken, auch international und, dank der Dampfschiff-Fahrt, gar interkontinental.

Wesentlich gelassener als Geibel, geradezu freudig staunend sieht der Zürcher Dichter Gottfried Keller (1819-90) die landschaftlichen Veränderungen in einem Gedicht von 1858. Beschreibt er hier eine fantasievoll gefügte, also nur mögliche Kreuzung von Schienen- und Wasserweg? Oder kann ein Schweizer Gast des HDS eine tatsächlich existierende Stelle benennen mit derart ungewöhnlicher Anordnung der Verkehrswege?

Schimmernd liegt die Bahn im tiefen Tale,
Über Tal und Schienen geht die Brücke
Hoch hinweg, ein Turm ist jeder Pfeiler,
Kunstgekrönet in die Lüfte ragend,
Zu den Wolken weite Bogen tragend.

Wie ein Römerwerk, doch neu und glänzend,
Bindet wald’ge Berge sie zusammen;
Auf der Brücke fahren keine Wagen,
Denn kristallnes Wasser geht dort oben,
Dessen fromme Flut die Schiffer loben. Unten auf des Tales Eisensohle
Schnurrt hindurch der Wagen lange Reihe,
Hundert unruhvolle Herzen tragend,
Straff von Nord nach Süd mit Vogels Schnelle.
Drüber streicht das Fischlein durch die Welle.

Langsam, wie ein Schwan, mit weissem Segel,
Herrlich auf des Himmels blauem Grunde
Oben fährt ein Schiff von Ost nach Westen; –
Ruhvoll lehnt der Schiffer an dem Steuer:
Ist das nicht ein schönes Abenteuer?

Brücke bei Bern

 

1838: Ein Urteil über das Neue fällen will der österreichische Dichter Nikolaus Lenau (1802-50) erst, wenn er Antwort auf mancherlei Fragen hat:

Ein Gedicht von Lenau, in Fraktur

Gedicht von Lenau, in Fraktur

Lenau

 

In seinem Gedicht ARM KRÄUTCHEN (1931) betrachtet der Satiriker mit dem weichen Herzen, Joachim Ringelnatz (1883-1934, Gedicht des Monats Mai 2009) die Eisenbahn aus einer ganz anderen Perspektive:

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer

Das ist irgendwie zwingend. Oder gibt es außer „Dampfer“ sonst noch einen Reim zu Sauerampfer?

Das anfängliche Staunen, die Sorge, wo das alles enden werde, auch die Freude über die neuen Möglichkeiten gingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich in gelassene Gewöhnung über. Die Eisenbahn war bald ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil, ja ein treibender Faktor des Handels, der Industrie. Allenthalben, nicht nur in Mitteleuropa, hatte sich der Erlebniskreis der Menschen schnell erweitert. Freilich trug die Eisenbahn auch, spätestens im 1. Weltkrieg, zur Ausdehnung und Beschleunigung militärischer Operationen bei, transportierte Soldaten, Waffen und Nachschub in früher nicht vorstellbarem Umfang über große Entfernungen.

Schnell auch war die Eisenbahn, schon früh fast überall Staatsunternehmen, zu einem großen Arbeitgeber geworden. In Deutschland traten am 5. Februar 1922 gleichzeitig Hunderttausende von Bahnangestellten in den Streik, ein Arbeitskampf bis dahin unbekannten Ausmaßes. Es ging um die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen. Kurt Tucholsky (siehe oben) fasste das Anliegen der Streikenden wenige Tage darauf in Verse:

Unnötig

Aber ohne jedes Recht.
Die Frau, die Kinder wollen Schuhe.
Wißt ihr, wie solcher Dienst den Körper schwächt?
Tag-, Nachtschicht und das bißchen Ruhe.

Ja, standet ihr schon mal am Führerstand?
Der Kessel glüht – es ziehn die Winde.
Heiß-kalt, kalt-heiß wird seine Führerhand …
Wo ist sein Sinn! Bei seinem Kinde?

Wo ist sein Sinn? Die Augen spähn: »Fahrt frei!«
Er darf nicht einen Griff versäumen.
Er sieht das Vorsignal und Weiche III -
I
hr könnt auf weichen Polstern träumen,

Wollt ihr nicht sichere Fahrt durch euer Land?
Wie soll der Dienst tun mit den Sorgen?
Zweihundert Leben in der einen Hand –
und dieser Hand will keiner, keiner borgen?

Er hat’s nicht leicht der Mann vom Flügelrad.
Stets droht der Tod. Er soll nicht ein Mal fehlen.
Ihr tut’s für euch: Macht seine Kinder satt!
Wer fünf Milliarden für die Reichswehr hat,
der darf uns nichts von Sparsamkeit erzählen!