Gedicht des Monats Oktober 2010

OKTOBERLIED

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz, –
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!

Diese Verse sind von Theodor Storm (1817-88). Gerade erst, im September 2010, ist er mit plattdeutschen, mit abendlich-besinnlichen Versen (Över de stillen Straten…) als Verfasser eines Monatsgedichts im HDS aufgetreten. Er steht eben für mancherlei Themen und Formen deutschsprachiger Lyrik im 19. Jahrhundert.

Zum aktuellen Monat passt sein Gedicht gleich zweifach – vom Titel her und mit seinem Hauptmotiv, dem Wein. Für Storm gehören die neblig-graue Natur und der goldene Stimmungs-Aufheller, der Wein, in reizvollem Gegensatz zusammen – wohlgemerkt der fertige Wein, der im Glase.

Andere Dichter, verständlicherweise weniger die norddeutschen, sehen den Wein im Oktober noch draußen in der Natur. Rainer Maria Rilke (1875-1926): “Herr, es ist Zeit …“ (Oktober 2009)

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Oder der Schweizer Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834) in dem Herbstlied (Oktober 2009):

Trauben, weiß Wie die volle Traube
Aus dem Rebenlaube
Purpurfarbig strahlt!
Trauben, blau

Auf jeden Fall sollten im Oktober die Reife erreicht, die Weinlese und das Keltern der Trauben erledigt sein, denn schon im November dürfen die Winzer in Frankreich ihren “Beaujolais nouveau“ oder “primeur“, die Österreicher ihren “Heurigen“ auf den Markt und in die Kehlen bringen.

DionysosDer Wein und die Freude an ihm sind ein uraltes Thema der Dichtung und Religion, gut belegt seit biblischen Zeiten, seit der griechischen und römischen Antike.

Nicht immer jedoch geht es dabei schon um den Wein im Glase, oft erst um den Weg dorthin. Der beginnt mit großer Mühe für die “Arbeiter im Weinberg”. Ein Beispiel, ein “Gleichnis“, steht schon in der Bibel, in den Versen 1 bis 16 des 20. Kapitels im Matthäus-Evangelium – ein früher Disput zwischen Arbeitnehmern und -gebern. Luthers Übersetzung:

 

 

 

1. Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten
in seinen Weinberg. 2. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Tagelohn,
sandte er sie in seinen Weinberg. 3. Und ging aus um die dritte Stunde und sah andere an dem
Markte müßig stehen  4. und sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch
geben, was recht ist.  5. Und sie gingen hin. Abermals ging er hin um die sechste und neunte
Stunde und tat gleichalso.  6. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere müßig
stehen und sprach zu ihnen: Was stehet ihr hier den ganzen Tag müßig?  7. Sie sprachen
zu ihm: Es hat uns niemand gedingt. Er sprach zu ihnen: Gehet ihr auch hin in den Weinberg,
und was recht sein wird, soll euch werden.  8. Da es nun Abend ward, sprach der Herr des
Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und heb an an den
letzten bis zu den ersten.  9. Da kamen, die um die elfte Stunde gedingt waren, und empfingen
ein jeglicher seinen Groschen.  10. Da aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr
empfangen; und sie empfingen auch ein jeglicher seinen Groschen.  11. Und da sie den
empfingen, murrten sie wider den Hausvater  12. und sprachen: Diese letzten haben nur eine
Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und die Hitze
getragen haben.  13. Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: Mein Freund, ich tue
dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen? 14. Nimm, was dein ist,
und gehe hin !. Ich will aber diesem letzten geben gleich wie dir.  15. Oder habe ich nicht Macht;
zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, daß ich so gütig bin?  16. Also
werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber
wenige sind auserwählt.

Bürger: MünchhausenMit erzieherischem Hintersinn berichtet Gottfried August Bürger (1747-94) von der Arbeit im Weinberg. Wie auch dieses, hat er die meisten seiner Gedichte und Balladen im damals renommierten “Göttinger Musenalmanach“ veröffentlicht. Noch heute bekannt ist er aber eher durch die Erzählungen “Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“, des bekannten “Lügen-Barons“.

Portrait G.A. Bürger

 

G.A. Bürger: Die Schatzgräber

DIE SCHATZGRÄBER

 

G.A. Bürger: Die Schatzgräber    1  beigesetzt, beerdigt

WeinDie 27 Staaten der Europäischen Union haben zusammen 23 Amtssprachen und die wiederum nur 16 verschiedene Wörter für WEIN. Die meisten davon stammen, leicht erkennbar, vom lateinischen VINUM ab. Nur bei Reisen nach Ungarn (bor), nach Malta (inbid), Irland (fiion) und Griechenland (krasi) sollte man einen Spickzettel in der Tasche haben, vielleicht auch für den türkischsprachigen Norden des EU-Mitglieds Zypern (sarap).

 

Doch nun weitere Gedichte über den Weingenuss! Zu dem bekennt sich der oft zum Scherzen aufgelegte Wilhelm Busch (September 2008) (1832-1908) ohne Wenn und Aber. Doch er hat ein Problem mit dem Weinglas:

WANKELMUT

Was bin ich alter Bösewicht
So wankelig von Sinne.
Ein leeres Glas gefällt mir nicht,
Ich will, daß was darinne.

Das ist mir so ein dürr Geklirr;
He, Kellnerin, erscheine!
Laß dieses öde Trinkgeschirr
Befeuchtet sein vom Weine! Nun will mir aber dieses auch
Nur kurze Zeit gefallen;
Hinunter muß es durch den Schlauch
Zur dunklen Tiefe wallen. –

So schwank ich ohne Unterlaß
Hinwieder zwischen beiden.
Ein volles Glas, ein leeres Glas
Mag ich nicht lange leiden.

Weinglas Ich bin gerade so als wie
Der Erzbischof von Köllen,
Er leert sein Gläslein wuppheidi
Und läßt es wieder völlen.
 Weinglas

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803), ein eher ernster Dichter der Aufklärungszeit, amüsiert sich über

DIE MACHT DES WEINS

Ein Frommer sprach: Ich möchte doch mich schämen,
Stets so vergnügt zu sein;
Ich möchte doch mit ihm zu Herzen nehmen,
Was so viel Wunder prophezein;
Ich möchte doch, wie er, mich grämen,
Weil – ach und weh – so viel Kometen dräun.
Da gab ich ihm von meinem Wein;
Da riet er mir, ich möchte mich nicht schämen,
Stets so vergnügt zu sein.

Dem großen Dramatiker (“Agnes Bernauer“, “Maria Magdalena“) und Lyriker Friedrich Hebbel (1813-1863) war solche Leichtigkeit nicht gegeben. Auch er preist und genießt den Wein, sieht aber selbst in ihm die Mächte des Schicksals am Werk:

DER WEIN

Du blinkst so hell und glänzend aus dem Becher,
Als wäre jeder Strahl in dir zerronnen,
Woraus du einst die Feuerkraft gewonnen,
Die glühend jetzt entgegenschäumt dem Zecher.

Ich aber säume, reizender Versprecher
Des Süßesten, und zähle all die Sonnen,
Die dich mit ihrem Netz von Licht umsponnen,
Bevor die Traube reif erschien dem Brecher.

Ich sehe ihn, von Nächten und von Tagen
Den reichen Zug, die, längst hinabgesunken,
Dir scheidend all ihr Köstlichstes gegeben.

Da möcht’ ich fast im Geist vor dir verzagen,
Kaum an den Lippen, bist du ausgetrunken:
Wie zahle ich den Preis für so viel Leben?

Auch Gotthold Ephraim Lessing (1729-81), wie Hebbel heute besser als Dramatiker bekannt (“Nathan der Weise“, “Minna von Barnhelm“) denn als Lyriker, verbindet den Weingenuss mit dem menschlichen Schicksal, gerät aber nicht allzu tief ins Grübeln beim Gedanken

AN DEN WEIN

Wein, wenn ich dich itzo trinke,
Wenn ich dich als Jüngling trinke,
Sollst du mich in allen Sachen
Dreist und klug, beherzt und weise,
Mir zum Nutz, und dir zum Preise,
Kurz, zu einem Alten machen.
Wein, werd ich dich künftig trinken,
Werd ich dich als Alter trinken,
Sollst du mich geneigt zum Lachen,
Unbesorgt für Tod und Lügen,
Dir zum Ruhm, mir zum Vergnügen,
Kurz, zu einem Jüngling machen.

Lessing hat aber offenbar auch erfahren müssen, dass zuviel des Guten nicht gut ist:

DER TRUNKNE DICHTER LOBT DEN WEIN

Mit Ehren, Wein, von dir bemeistert
Und deinem flüss’gen Feu’r begeistert,
Stimm’ ich zum Danke, wenn ich kann,
Ein dir geheiligt Loblied an.
Doch wie? In was für kühnen Weisen
Werd’ ich, o Göttertrank, dich preisen?
Dein Ruhm, hör’ ihn summarisch an,
Ist, daß ich ihn nicht singen kann.

Die Liebe, wenn sie neu,
braust wie ein junger Wein:
Je mehr sie alt und klar,
je stiller wird sie sein.

Angelus Silesius (1624-77)

Nicht selten ist bei den Dichtern das Motiv “Wein“ mit dem Thema “Eros“ erbunden. Das Trio “Wein, Weib und Gesang“ findet sich zudem in allerlei schlichten bis derben Liedertexten oft unbekannter Herkunft, besonders in solchen, die alljährlich in den deutschsprachigen Karnevals- bzw. Faschingsregionen erklingen, à la “Alt muss der Wein und jung das Mädchen sein“. Leider kann das HDS keine Gedichte finden, in denen Lyrikerinnen diesen Zusammenhang aus weiblicher Perspektive bestätigen (oder leugnen). Es fehlt also an einer dichterischen Gegeneinlassung zur Feststellung unseres biederen Johann Peter Hebel (1760-1826) April 2010 :

Wir können vieler Ding entbehren
Und dies und jenes nicht begehren,
Doch werden wenig Männer sein,
Die Weiber hassen und den Wein.

Im Ablauf der folgenden Szene hätte es jedes beliebige Getränk getan. Doch der Österreicher Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) wählte mit Geschick „dunklen Wein“. Der gibt der Sinnlichkeit, der geradezu elektrischen Spannung, die sich hier entlädt, Gewicht und Bildlichkeit.

DIE BEIDEN

Sie trug den Becher in der Hand –
– Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand –
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.
So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:

Hugo von Hofmannsthal