Im Eifer des Gefechts?

Militärsprache im zivilen Alltag

Zum Erfolg führt nur “die Ochsentour“: Wir “beackern“ ein Thema oder einen Menschen, wir “säen“ Misstrauen, “ernten“ Lob, “trennen die Spreu vom Weizen“ und “gehen mit den Hühnern íns Bett“. Wenn uns “der Hafer sticht“, nennen wir den Balkon des Nachbarn einen “Saustall“, hilfsweise einen “Misthaufen“. – Auch wer nie aus der Stadt hinausgekommen ist, gebraucht und versteht diese ländlichen Bilder unserer Sprache.

“Steilvorlagen“ sind vom Fußballplatz in den Bundestag ausgeschwärmt, “Eigentore“ desgleichen. Wer Unsinn redet, gerät leicht ins “Abseits“. Wer aus der Fraktion fliegt, kann nur noch “von der Seitenlinie“ beobachten, ob seine Partei “gut aufgestellt“ ist.

Auch andere Bereiche haben ihre Fachbegriffe an unsere Alltagssprache ausgeliehen – die bildende Kunst z.B. das “Holzschnittartige“ oder das “zu dick Aufgetragene“, das Theater die “Kulisse“, das “Rampenlicht” und das “Soufflieren”. – Nicht nur im Krankenhaus wird “amputiert”, kann man “am Tropf hängen” oder sich “den Puls fühlen” lassen. – Das “Gasgeben“ kennen wir vom Auto, auch die “Fehlzündung“, die “Rund-Erneuerung” und, neuerdings, das “Ausbremsen“.

Dr. Rüdiger FinkentscherDoch kaum ein anderer Fachjargon hat so stark und nachhaltig in unsere Alltagssprache hineingewirkt wie der militärische. Sieht man genauer hin, kann man nur staunen.
Dr. Rüdiger Fikentscher
, Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt in Magdeburg, hat solche Redensarten gesammelt und seine Beobachtungen freundlicherweise für das HDS im folgenden Text zusammengefasst:

 

Militärsprache im zivilen Alltag

Sie hätte auch antworten können: “Er kommt jetzt“. Aber nein, sie sagte: “Er ist im Anmarsch.“ Nun kann man freilich darüber streiten, ob ein einzelner Mensch marschieren kann. Wolken können es jedenfalls nicht. Dennoch war im ARD-Wetterbericht zu hören: “Wolken sind im Anmarsch.“ In der Lausitz werden zunehmend mehr Wölfe beobachtet, woraufhin eine Zeitung schrieb: “Der Wolf ist auf dem Vormarsch.“ Eine andere titelte: “Darmgrippe bei Kindern im Anmarsch.“ Bei der Fußball-WM hörten wir, dass der Pokal nicht gebracht werde, sondern ebenfalls “im Anmarsch“ sei, genauso wie der Frühling, die Minijobs und der Mindestlohn offenbar “auf dem Vormarsch“ sein können.

Viele Ordnungsbegriffe stammen vom Kasernenhof, wo vieles “auf Vordermann“ oder “in Reih und Glied“ gebracht wird. Dazu gehört auch der Umgang mit dem Gewehr. Dieses kann umgehängt oder direkt neben dem Schuh auf die Erde gestellt werden. Das heißt dann “Gewehr bei Fuß“. Aber warum muss jemand, der sich für irgendetwas bereithält, Gewehr bei Fuß stehen? Beim Antreten sollen alle genau hinter ihrem Vordermann stehen. Aber was hat man sich darunter vorzustellen, wenn das Areal eines Spielplatzes oder anderenorts ein “Kindergarten auf Vordermann gebracht“ wurde?

Pickelhaube

“Fronten“ gibt es viele, nicht nur im Krieg: eine Häuserfront oder Schlechtwetterfront. Doch wenn man die Frage liest: “Was gibt es Neues von der Wetterfront?“, liegt der Gedanke an einen Kriegsbericht nahe. Meist wird an der Front gekämpft. Wir lesen: “Kämpfe an der Dopingfront“, “Dozenten haben an der vordersten Front gestanden“, “an der Beschäftigungsfront ist wenig Bewegung“. Die Europäische Zentralbank sieht keine “Entspannung an der Preisfront“, oder ein Sportreporter bei den Olympischen Spielen spricht von seinen “Freunden an der Fotografenfront“. Bei all diesen Formulierungen wird zweifellos auf den Begriff der Front im Krieg Bezug genommen.

“Geschossen“ wird auch bei der Jagd und im Sport. Aber in unserem Sprachgebrauch hat man fast ausschließlich das Schießen im Krieg vor Augen. Jemand kann etwas “unter Beschuss nehmen“ oder selbst “unter Beschuss geraten“. Mancher wird “aus der Schusslinie genommen“. Es gibt bei politischen Auseinandersetzungen “Störfeuer“ oder “gezieltes Sperrfeuer“. Die andere Seite hat eventuell bereits “ihre Munition verschossen“. Der Nächste will “sein Pulver trocken halten“ oder “schießt sich auf etwas ein“. Wenn er Pech hat, geht sein “Schuss nach hinten los“. Besonders kurios war eine Zeitungsmeldung: “Die Hutten-Schule hat sich auf Sehbehinderte eingeschossen“. Es sollte damit ausgedrückt werden, dass man sich dort besonders um diese Kinder bemüht.

“Im Eifer des Gefechts“ ist eine gängige Redensart bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten. In Wahlkämpfen spricht man von einer “Materialschlacht“. Beim Führungswechsel einer Krankenkasse erhielt der scheidende Vorsitzende einen “Dank für gemeinsame Schlachten und gemeinsame Siege“. Ein frisch gewählter Fraktionsvorsitzender begab sich nach seinen eigenen Worten “auf das Schlachtfeld“. In einer wirtschaftspolitischen Diskussion hieß es: “So ist die Gefechtslage“. Man warnt davor, “ein weiteres Schlachtfeld zu eröffnen“. Eine Zeitung berichtete über Besucher eines Volksfestes, dass sie “vom Alkohol außer Gefecht gesetzt waren“.

Die Bilder vom Krieg sind vielfältig und allgegenwärtig: Man ist “gut gerüstet gegen die Schweinegrippe“, erzielt einen “Geländegewinn“, oder ein Staatssekretär bezeichnet seinen Minister als jemanden, der ein Problem “generalstabsmäßig löst“. Man bewegt sich auf “vermintem Gelände“, “hält die Stellung“ und hat “eine schlagkräftige Truppe“ zur Verfügung. Gelegentlich gibt es einen “Einschlag wie eine Bombe“ oder anderes wird “torpediert“. Wenn jemand im Alter bemerkt, dass immer mehr Gleichaltrige sterben, so heißt es wie im Schützengraben: “Die Einschläge kommen näher“.

Diese und viele andere Redewendungen und Ausdrucksweisen könnten auch durch eine rein zivile Sprache ersetzt werden, doch sind sie offensichtlich für alle verständlich und wirken außerordentlich plastisch, weil die vermittelten Bilder nach Jahrhunderten der Kriege den Menschen vor Augen sind. Sollte man sich dagegen wehren oder sich nur über einige Stilblüten lustig machen?